Adipositas

Starkes Übergewicht ist weltweit ein zunehmendes Problem, denn es begünstigt viele Krankheiten. Wie sich das Volksleiden behandeln lässt

aktualisiert am 06.09.2018

Adipositas - kurz zusammengefasst

Bei einem Body-Mass-Index von über 30 wird nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation von Fettleibigkeit (Adipositas) gesprochen. Diese ist ein Risikofaktor für verschiedene Krankheiten. Mithilfe einer Umstellung der Ernährung mit dem Ziel, dauerhaft weniger Kalorien zu sich zu nehmen und mehr Bewegung lässt sich das Gewicht häufig reduzieren. Genügt dies nicht, kommen im Einzelfall Operationen oder auch Medikamente infrage.

Definition: Was ist Adipositas?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) nach dem so genannten Körpermasse-Index (Body-Mass-Index = BMI).

Es gilt:

  • BMI unter 18,5 = Untergewicht
  • BMI zwischen 18,5 und 24,9 = Normalgewicht
  • BMI zwischen 25 und 29,9 = Übergewicht 
  • BMI ab 30 = Adipositas, Grad I 
  • BMI-Wert ab 35 = Adipositas Grad II  
  • BMI-Wert ab 40 = extreme Adipositas Grad III

Vor allem in den Industrie- und Schwellenländern nimmt der Anteil der Übergewichtigen und Adipösen beständig zu. Bei den Deutschen ab 18 Jahren sind laut Zahlen des Robert Koch-Institutes von 2011 rund 24 Prozent der Frauen und Männer stark übergewichtig. Bei den Kindern und Jugendlichen sind etwa sechs Prozent im Alter von drei bis 17 Jahren adipös.

Adipositas selbst gilt in Deutschland nicht direkt als Erkrankung sondern als  Gesundheitsstörung infolge eines ungesunden Lebensstils. Jedoch gehören die Adipositas und ihre Vorstufe, das Übergewicht, zu den wichtigen Ursachen bedeutsamer Folgeerkrankungen wie etwa Bluthochdruck, Verkalkung der Herzkranzgefäße (koronare Herzerkrankung), , verschiedenen Krebserkrankungen sowie diverser orthopädischer und psychischer Leiden.

Neben dem Ausmaß des Übergewichts (BMI-Wert) bestimmt auch die Fettverteilung im Körper das persönliche Gesundheitsrisiko. Um sie zu ermitteln, eignet sich der Taillenumfang. Übersteigt der Umfang die Werte 102 Zentimetern bei Männern beziehungsweise 88 Zentimeter bei Frauen, wird von einem deutlich erhöhten Risiko für Folgekrankheiten gesprochen.

Ursachen und Risikofaktoren

Energie wird dem Körper durch Nahrung zugeführt. Verbraucht wird Energie im Ruhezustand (Grundumsatz), bei der Verstoffwechselung von Nährstoffen und bei jeder Art von Bewegung. Eine hohe Energiezufuhr bei geringem Verbrauch führt dazu, dass überschüssige Energie in Form von Fett im Körper eingelagert wird.

Die Ursachen für Übergewicht und Adipositas liegen meist in einer Kombination aus ungünstiger genetischer Veranlagung und ungesundem Lebensstil. Adipöse Menschen haben einerseits oft eine zu fett- und insgesamt zu kalorienreiche Ernährung, andererseits kommt häufig Bewegungsmangel hinzu. Auch psychische Faktoren wie Stress oder Frust wirken begünstigend. Weniger häufig ist die Adipositas Folge anderer Erkrankungen oder wird durch eingenommene Medikamente begünstigt.

Folgende Ursachen können beispielsweise eine Rolle bei der Entstehung von Adipositas spielen:

  • genetische Veranlagung
  • Bewegungsmangel
  • falsche Ernährung
  • ständige Verfügbarkeit von Essen
  • Stress
  • Erkrankungen wie Essstörungen, Depressionen, eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Morbus Cushing
  • bestimmte Medikamente

Genetische Veranlagung

Nach Untersuchungen bei Zwillingen gehen Fachleute davon aus, dass der BMI eines Menschen in hohem Maße genetisch bedingt ist. Aus einer Studie an adoptierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist auch bekannt: Der BMI dieser Personen ist wesentlich enger mit dem BMI ihrer biologischen Eltern oder Geschwister assoziiert als mit dem BMI von Adoptiveltern.

Gene können unter anderem bewirken, dass der Energieverbrauch eines Menschen geringer ist als der von anderen. Studien weisen auch auf ein möglicherweise genetisch bedingtes gesteigertes Hungergefühl hin. Hierbei spielen vermutlich bestimmte Hirnregionen und speziell der Hypothalamus eine Rolle, denn dort befinden sich sowohl das Esszentrum als auch das Sättigungszentrum.

Fehlende Bewegung

Regelmäßige körperliche Aktivität senkt nicht nur das Risiko für Adipositas, sondern auch für zahlreiche Krankheiten. Doch immer mehr berufliche Tätigkeiten werden im Sitzen ausgeführt, Treppen mit Hilfe von Aufzügen bewältigt und jede längere Strecke mit dem Auto gefahren, statt vielleicht das Fahrrad zu benutzen. Stundenlanger Fernsehkonsum auf der Couch ersetzt vielerorts eine aktive Freizeitgestaltung.
Der Grundstein für diesen Mißstand wird oft schon in der Kindheit gelegt: Es lässt sich ein Zusammenhang herstellen zwischen Bewegungsmangel in jungen Jahren sowie Übergewicht und daraus resultierenden Folgeerkrankungen im weiteren Lebensverlauf.

Falsche Ernährung, ständige Verfügbarkeit von Essen

Falsche Ernährung ist nicht ausschließlich eine Folge von Gedankenlosigkeit, fehlendem Gesundheitsbewusstsein oder unzureichender Information. Manchmal landen auch aus Zeitmangel oder Bequemlichkeit statt frischem Obst und Gemüse sehr fetthaltige Fertiggerichte und Snacks im Einkaufskorb. Dabei ist Fett der Dickmacher Nummer Eins. Der hohe Konsum zuckerreicher Getränke begünstigt bei Kindern und Jugendlichen eine Gewichtszunahme. Das ständige Überangebot an Nahrungsmitteln kann ebenfalls dazu beitragen, dass mehr gegessen wird als notwendig, insbesondere, wenn häufig Mahlzeiten zwischendurch verzehrt werden.

Stress

Moderne Umweltfaktoren wie Zeitdruck und rasch verfügbares Fastfood begünstigen ungesunde Essgewohnheiten. Wir essen zu hastig leckere, energiedichte Lebensmittel – sprich: Kalorien-Bomben – ohne ein Sättigungsgefühl abzuwarten. Wir trinken zu viele zuckerhaltige Softdrinks. Manchmal führen auch persönlicher Stress oder Frustsituationen – etwa nach Trennungen oder durch Nikotinentzug – zu einer Art Hungergefühl. Essen wird dann zur Ersatzbefriedigung, zum Ausgleich nicht erfüllter Bedürfnisse oder verdrängter Gefühle oder zum stummen Protest. Mütter und Väter trösten Kinder mit Essen oder wollen sie damit beruhigen. Leiden Selbstwertgefühl und Eigenwahrnehmung, können im Extremfall krankhafte Essstörungen die Folge sein.

Erkrankungen

Zu den Krankheiten, die zu Adipositas führen können zählen zum Beispiel Essstörungen mit exzessiven Essanfällen und einer übermäßigen Energiezufuhr (Binge-Eating-Disorder).
Selten kann eine Adipositas Folge von Erkrankungen des Hormonsystems sein, wie etwa einer Unterfunktion der Schilddrüse. Als mögliche Ursache wird auch das Cushing-Syndrom genannt, bei dem ein zu hoher Cortisolspiegel im Blut infolge vom Medikamenten oder Überproduktion in den Nebennieren vorliegt.

Medikamente

Es gibt einige Medikamente, die eine Gewichtszunahme begünstigen. Zu einer Adipositas führen diese Mittel jedoch üblicherweise nur, wenn zusätzlich entsprechende weitere Faktoren hinzukommen.
Besteht der Verdacht, dass ein verordnetes Arzneimittel wie zum Beispiel Kortison oder ein Medikament gegen Depressionen oder bestimmte andere psychische Erkrankungen an einer Gewichtszunahme beteiligt ist, bespricht man dies am besten mit dem behandelnden Arzt. Er kann eventuell Alternativen aufzeigen oder zu entsprechenden Gegenmaßnahmen raten.

Symptome und Folgen der Adipositas

Zu den unmittelbar spürbaren körperlichen Beschwerden übergewichtiger oder adipöser Menschen zählen vor allem fehlende Ausdauer und schnelle Ermüdung, verbunden mit starkem Schwitzen und Kurzatmigkeit. Durch die Gewichtszunahme kommt es zu einer allgemein eingeschränkten Beweglichkeit und oft zu Schmerzen in Wirbelsäule, Hüfte und den Knien sowie durch die vermehrte Belastung zu einem erhöhten Risiko für Gelenkverschleiß (Arthrose).

Schwerwiegender sind jedoch häufig die durch die Fettleibigkeit verursachten oder begünstigten Begleit- und Folgeerkrankungen. Das Risiko, darunter zu leiden steigt mit zunehmendem BMI.

Häufige Folgen der Adipositas:

  • Bluthochdruck 

Bluthochdruck (Arterielle Hypertonie) ist die häufigste Begleiterkrankung von Adipositas. Studien belegen einen klaren Zusammenhang zwischen steigendem BMI und vermehrtem Auftreten von Bluthochdruck. Erhöhter Blutdruck wiederum ist ein Risikofaktor für eine Arterienverkalkung (Arteriosklerose), die auch die Herzkrankgefäße treffen kann (koronare Herzkrankheit).

  • Koronare Herzkrankheit

Mit zunehmendem BMI steigt das Risiko für eine Schädigung der Herzkranzgefäße deutlich an. Ebenso das Herzinfarkt-Risiko. Natürlich spielen auch andere Risikofaktoren, wie erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit und Nikotinkonsum eine Rolle.

  • Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit) 

Auch hier gilt: Je höher der BMI, desto höher das Erkrankungsrisiko für Diabetes mellitus Typ 2. Das gilt für BMI-Werte ab 25. Neben dem Körpergewicht spielen allerdings auch genetische Faktoren eine große Rolle.

  • Krebserkrankungen

Studien belegen einen Zusammenhang zwischen steigendem Körpergewicht und vermehrtem Auftreten von Krebs. Bei Frauen geht es dabei vor allem um Gebärmutter-, Bauchspeicheldrüsen-, Gallenblasen- und Brustkrebs nach den Wechseljahren. Bei beiden Geschlechtern erhöht sich das Risiko für Speiseröhren-, Nierenzell- und Darmkrebs. Das höhere Krebsrisiko resultiert wahrscheinlich aus Veränderungen bestimmter Hormone infolge der Fettleibigkeit. Adipositas als Risikofaktor ist inzwischen für 13 Tumorarten gesichert und für sechs bis 10 Prozent aller Krebserkrankungen verantwortlich.

  • Psychische Folgen

Folgen des Übergewichts können ein vermindertes Selbstwertgefühl, Ängstlichkeit und Depressionen sein. Der seelische Druck, den die Betroffene empfinden, kann wiederum zu neuen Essattacken führen. Essen soll dann entlastend und tröstend wirken, doch damit geraten adipöse Menschen in einen Teufelskreis.

  • orthopädische Probleme (z.B. Arthrose in Knie und Hüfte, Rückenschmerzen)
  • Fettstoffwechselstörungen (z.B. erhöhte Blutfettwerte)

Diagnose

Einen ersten Eindruck seines Patienten erhält der Arzt durch dessen äußeres Erscheinungsbild sowie die Schilderung typischer Beschwerden, Essgewohnheiten und körperlichen Aktivitäten. Den Schweregrad des Übergewichts bestimmt er durch die Berechnung des BMI. Ist er zu hoch (BMI > 25), kann der Arzt ergänzend dazu die Fettverteilung ermitteln, indem er den Taillenumfang misst. 

Um auch bereits eingetretene Folgeerkrankungen oder Risikofaktoren zu erfassen, kann eine Blutentnahme notwendig sein – zum Beispiel um Blutzucker-, Blutfett- und Harnsäurewerte zu bestimmen. Eine Blutdruckmessung und gegebenenfalls ein EKG geben weitere Hinweise auf den allgemeinen Gesundheitszustand. Um hormonelle Erkrankungen auszuschließen, sind spezielle Bluttests erforderlich, wie zum Beispiel die Bestimmung von TSH zum Ausschluss einer Schilddrüsenunterfunktion.

Behandlung

Wird dem Körper weniger Energie zugeführt, als er benötigt, dann werden gespeicherte Kalorien verbraucht, das Gewicht sinkt langsam. Deshalb ist es die Grundlage jeder Adipositas-Behandlung, die Kalorienzufuhr durch eine dauerhafte Ernährungsumstellung zu senken und den Kalorienverbrauch durch mehr körperliche Aktivität zu erhöhen. 

Entscheidend für den Erfolg ist dabei die Motivation des Betroffenen, sprich: Hat er den Willen mitzumachen und die Disziplin, längerfristige Therapie-Maßnahmen auch konsequent umzusetzen? Denn das Therapieziel ist es, das reduzierte Gewicht dann auch zu halten. Von strengen Diäten mit oft nur kurzfristigem Effekt raten Experten daher übereinstimmend ab.

Viele Betroffene therapieren sich erfolgreich in Eigenregie, wobei die Unterstützung durch Verwandte und Freunde wichtig ist. Doch ab einem BMI von 30 ist es sinnvoll, auch mit seinem Hausarzt über das Gewichtsproblem zu sprechen und gegebenenfalls medizinische Therapieangebote wahrzunehmen. In schweren Fällen kann es sinnvoll oder sogar unerlässlich sein, Medikamente einzusetzen oder einen operativen Eingriff in Betracht zu ziehen.

Welche Therapiemaßnahmen zum Einsatz kommen, hängt vom Ausmaß des Übergewichts ab und davon, ob und welche Folgeerkrankungen bereits eingetreten sind oder drohen. Bereits bei Übergewicht mit einem BMI von 25 bis 29,9 und bestehenden Erkrankungen, die sich dadurch verschlimmern, raten Ärzte zu einer Behandlung. Bei BMI-Werten über 30 sollte in jedem Fall eine Therapie erfolgen.

Ernährungsumstellung 

Schon einige Kilo weniger reichen häufig aus, um Begleiterkrankungen zu lindern oder zu heilen. Das gilt zum Beispiel für die Zuckerkrankheit. Fachleute gehen davon aus, dass bereits eine Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Kilogramm die Blutzuckerwerte deutlich verbessert oder sogar normalisiert. 

Wichtig um erfolgreich und auf Dauer abzunehmen ist es, das Gewicht langsam zu senken. Sonst kommt es zum so genannten Jo-Jo-Effekt, was bedeutet: Nach raschem Abnehmen hat sich der Körper auf diese verminderte Kalorienzufuhr eingestellt. Beenden Betroffene dann ihre Diät und essen wieder wie zuvor, dann verwertet der Körper die jetzt zugeführte überschüssige Energie sofort. Die Folge: eine neuerliche Zunahme des Körpergewichts. 

Hinzu kommt: Rasche Abspeck-Aktionen haben in der Regel keinen Einfluss auf die zur Routine gewordenen Essgewohnheiten. Doch genau darum geht es: Das Ernährungsverhalten und damit der Lebensstil müssen so verändert werden, damit das reduzierte Gewicht auf Dauer auch gehalten werden kann.

Aus all diesen Gründen halten Experten wenig von den allermeisten Blitz-Diäten. Sinnvoller ist eine Ernährungsumstellung mit dem Ziel einer ausgewogenen, mäßig kalorienreduzierten Kost sowie regelmäßige Bewegung. Ein Weg kann es beispielsweise sein, sehr energiedichte Lebensmittel gegen weniger energiedichte auszutauschen, also statt der Sahnetorte zum Beispiel einen Obstkuchen zu wählen.

Achtung: Bei starker Reduktion der Kalorienzufuhr können Nebenwirkungen auftreten. Der schnelle Gewichtsverlust kann zum Beispiel zu fallendem Blutdruck, vorübergehender Erschöpfung und Schwindel führen. Bei sehr rascher Gewichtsreduktion können Gallensteine auftreten und Beschwerden verursachen.

Eine ärztliche Überwachung einer kalorienreduzierten Ernährung ist daher angeraten. Menschen mit krankhaften Essstörungen, anderen Allgemeinerkrankungen oder Schwangere und Stillende sollen keine Kalorienreduktion durchführen. Bei übergewichtigen Kindern ist grundsätzlich der Kinderarzt einzubeziehen.

Mehr Bewegung 

Regelmäßige Bewegung gilt inzwischen als genauso wichtig wie eine kalorienreduzierte Ernährung. Zwar führt mehr Bewegung nicht unbedingt zu einem größeren Gewichtsverlust. Körperliche Aktivität reduziert zwar die Fettmasse, begrenz aber zugleich den Verlust an Muskelmasse. Durch den Erhalt der Muskelmasse sinkt auch der Energieumsatz nur geringfügig. Mehr Bewegung hilft deswegen vor allem, ein reduziertes Gewicht auch auf Dauer zu halten. Außerdem hat Sport manchmal einen günstigen Einfluss auf das Sättigungsgefühl und hilft der Psyche: Er baut Stress ab und steigert die Motivation. Die größte Wirkung zeigen Ausdauer-Sportarten wie Joggen, Wandern, Walking, Schwimmen oder Radfahren. Hierbei gilt: Die eigene Leistung langsam steigern. 

Wer schon länger keinen Sport mehr getrieben hat, über 35 Jahre alt ist oder unter körperlichen Einschränkungen oder Krankheiten leidet, sollte unbedingt ärztlichen Rat einholen, bevor er mit dem Training beginnt.

Auch mehr Bewegung im Alltag kann schon positive Effekte zeigen. Also zum Beispiel Treppen gehen, anstatt Aufzug zu fahren oder das Auto mal stehen lassen und aufs Fahrrad umsteigen.

Verhaltenstherapie 

Eine typische Verhaltenstherapie mit wöchentlichen Sitzungen über einen Zeitraum von durchschnittlich 18 Wochen kann hilfreich sein, um ein Ernährungs- und Bewegungsprogramm umzusetzen. Denn solche Therapien verbessern Eigenkontrolle und Stressbewältigung. Zudem lernen die Patienten Techniken und Prinzipien, mit deren Hilfe sie ihre Essgewohnheiten verändern und die körperliche Aktivität steigern können.

Hierzu gehört unter anderem die Selbstbeobachtung des Ess- und Trinkverhaltens. Etwa die Fragen: Warum esse ich so viel? Aus Frust? Wie kann ich besser mit dem Frust umgehen? Wie kann ich mich angemessen belohnen? Wie kann ich Sport und Bewegung regelmäßig in meinen Alltag integrieren? Wie kann ich Misserfolge beim Abnehmen leichter bewältigen? Auch der Besuch von Selbsthilfegruppen kann dazu beitragen, sich gegenseitig Mut zu machen, Erfahrungen auszutauschen und so den Kampf gegen die Pfunde besser zu meistern.

Medikamente

Den Einsatz von Medikamenten erwägen Ärzte in der Regel erst dann, wenn andere Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg zeigen, der BMI über 30 steigt oder bestimmte Begleiterkrankungen vorliegen. Die medikamentöse Therapie kann nur unterstützend zu diätetischen und verhaltenstherapeutischen Maßnahmen eingesetzt werden. Eine ärztliche Kontrolle muss gewährleistet sein.


Der Wirkstoff Orlistat verringert die Fettaufnahme im Darm. Nimmt der Patient zu fettreiche Nahrung zu sich, kann die Substanz heftige Blähungen und sehr unangenehme Fettstühle auslösen – was Betroffenen die Lust nimmt, weiter so fettreich zu speisen. Die gewichtssenkende Wirkung von Orlistat beträgt im Schnitt zwei bis drei Kilogramm. Patienten mit Gallensteinen und verminderter Bauchspeicheldrüsenfunktion dürfen Orlistat nicht erhalten.

Im Jahr 2016 wurde der GLP-1-Agonist Liraglutid und die Kombination Bupropion/Naltrexon zur Mitbehandlung der Adipositas zugelassen. Beide Substanzen senken das Körpergewicht stärker als Orlistat. Über Risiken und Nebenwirkungen der Mittel sollten sich Patienten, die für eine Behandlung infrage kommen genau bei ihrem behandelnden Arzt informieren. Daneben gibt es Appetitzügler wie zum Beispiel Nor-Pseudoepinephrin (Cathin). Auch hierzu sollte unbedingt der Arzt ausführlich beraten. Cathin erhöht die Sympathikusaktivität und damit vor allem die Herzfrequenz. Daher wird das Mittel üblicherweise nur kurzfristig eingesetzt.

Keines dieser Medikamente kann alleine eine Ernährungsumstellung ersetzen.

Chirurgische Eingriffe

Chirurgische Maßnahmen kommen vor allem bei extrem übergewichtigen Erwachsenen mit einem BMI größer 40 in Betracht (Adipositas Grad III), die nicht auf andere Therapieformen ansprechen beziehungsweise bei Patienten mit einem BMI größer als 35 (Adipositas Grad II), wenn zugleich schwerwiegende Begleiterscheinungen vorliegen. Es kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz, die das Ziel haben, das Volumen des Magens zu verkleinern und/oder die Aufnahme von Nährstoffen im Dünndarm zu verringern. Die beiden am häufigsten in Deutschland eingesetzten Verfahren sind:

  • Schlauchmagen
  • Magenbypass

Weitere Verfahren sind zum Beispiel der Magenschrittmacher oder der Magenballon.

Nach einem adipositaschirurgischen Eingriff nehmen die Patienten rasch ab. Der Gewichtsverlust pendelt sich nach 18 bis 24 Monaten ein, häufig im Bereich des Übergewichts. Durchschnittlich sinkt das Gewicht um 30 bis 50 Kilogramm.

Wie bei vielen Operationen sind die Nebenwirkungen und Gefahren nicht zu unterschätzen. Die Sterblichkeit bei Adipositas-Operationen liegt bei 0,3 bis ein Prozent. Das Risiko für perioperative Komplikationen ist vergleichsweise niedrig und liegt unter zehn Prozent. Einige der operierten Patienten machen aber den Behandlungserfolg zunichte, indem sie hochkalorienreiche, flüssige Nahrung zu sich nehmen. Oder sie essen nach einiger Zeit größere Mengen und dehnen dadurch den verkleinerten Magen wieder aus. Deshalb ist eine gute Nachbetreuung unverzichtbar. Häufig müssen Vitamine in Form von Tabletten oder als Spritze zugeführt werden.

Auch nach Operationen ist es daher sehr wichtig, dass Lebensstil und Ernährung nachhaltig verändert werden. Die Speisen sollen vor allem ausgewogen sein, denn wegen der jetzt vergleichsweise kleinen Mahlzeiten kann es sonst zur Mangelernährung kommen. Eine kompetente Ernährungsberatung ist daher unerlässlich.

Die Fettabsaugung (Liposuktion) wird nicht zur Therapie der Adipositas eingesetzt. Denn hierbei geht es nur um die Entfernung überschüssiger lokaler Fettmengen. Fettabsaugung ist also ein rein kosmetisches Verfahren und nicht mit einer Verbesserung des Stoffwechsels verbunden.

Was die Kasse zahlt

 

Die gesetzlichen Krankenkassen sind nicht verpflichtet, die Kosten für eine Adipositas-Therapie zu übernehmen. Jedoch tragen sie häufig einen Teil der Kosten, wenn vorab darum ersucht wurde und eine medizinische Notwendigkeit besteht. So werden etwa operative Eingriffe bei extrem Adipösen nach Prüfung und Genehmigung durch den Medizinischen Dienst von den Krankenkassen bezahlt. Viele Kassen übernehmen auf Anfrage auch Anteile an einer Ernährungberatung und -therapie, wenn der Arzt die Notwendigkeit bescheinigt. Auch die Teilnahme an bestimmten Programmen zur Gewichtsabnahme kann auf Antrag von der Krankenkasse bezuschusst werden, so dass der Betroffene nicht die kompletten Kosten übernehmen muss. Medikamente zur Unterstützung einer Gewichtsreduktion sind dagegen selbst zu finanzieren. Sie liegen bei monatlich zwischen 45 und 300 Euro.

Im Rahmen ihrer Vorsorgeleistungen beteiligen sich gesetzliche Kassen häufig auch an den Kosten von Gesundheitskursen rund um die Themen Abnehmen und richtige Ernährung – soweit diese von dafür qualifizierten Einrichtungen beziehungsweise Trainern angeboten werden. Kostengünstig bieten auch Volkshochschulen entsprechende Kurse an.

Vorbeugen

Oft werden falsche Ernährungsgewohnheiten und fehlende körperliche Aktivität den Kindern bereits im Elternhaus vorgelebt und damit vermittelt. So wird der Grundstein für die Adipositas gelegt. Prävention, so betonen Experten übereinstimmend, muss daher schon im Umgang mit Kindern beginnen: durch ausgewogene Ernährung und der Ermunterung und Anleitung zu aktiver Lebensgestaltung und sportlicher Aktivität.


Das bedeutet zum Beispiel: frische, gesunde Lebensmittel zubereiten, statt Fastfood zu kaufen; Outdoor-Erlebnisse anbieten, statt stundenlanges Computerspielen zu akzeptieren. Wichtig ist auch, dass gemeinsame, regelmäßige Essenszeiten eingehalten werden. Kinder sollen nicht ständig nebenbei essen. Und sie sollen nicht zu Frust- oder Langeweile-Essern werden. Denn sie bleiben es dann wahrscheinlich auch als Erwachsene.

Beratender Experte

Professor Dr. med. Johannes Erdmann ist Facharzt für Innere Medizin und Professor für Ernährungsmedizin an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Johannes Erdmann studierte Medizin in Berlin und Heidelberg. Von 1990 bis 1992 war er in der Abteilung Innere Medizin am Diakoniekrankenhaus in Schwäbisch Hall tätig, anschließend von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Heidelberg in der Inneren Medizin I, Endokrinologie und Stoffwechsel. Anschließend wechselte Johannes Erdmann an das Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München, wo er von 1997 bis 2004 in der Abteilung Innere Medizin II, Gastroenterologie und Endokrinologie arbeitete. 2001 erlangte er den Facharzt für Innere Medizin. Ab 2004 war er dann an der Klinik für Ernährungsmedizin tätig. 2008 habilitierte er sich im Bereich Ernährungsmedizin und wurde zum Oberarzt ernannt. Seit 2011 ist er Professor für Ernährungsmedizin an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Die Forschungsschwerpunkte von Professor Erdmann sind die Therapie von Adipositas und Diabetes Typ II.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.