Im Winter sicher Auto fahren

Glätte, Schneefall, Dunkelheit – ein Stresstest für viele Autofahrer. Mit diesen Tipps für Fahrzeug und Lenker fühlen Sie sich sicherer im Straßenverkehr

von Fabian Hoberg, 24.01.2018
Windschutzscheibe freikratzen

Eis abkratzen: Nicht nur ein kleines Loch freilegen, sondern die Scheibe großflächig bearbeiten


Kaum fallen die ersten Schneeflocken, fahren Sie nicht mehr schneller als 50 km/h? Weil die Straße an manchen Stellen mit Eis bedeckt sein könnte, halten Sie verkrampft das Lenkrad fest, Ihre Hände schwitzen?

Damit sind Sie nicht alleine. Schätzungen des ADAC zufolge haben in Deutschland eine Million Autofahrer Angst im Straßenverkehr – im Winter nimmt dieses Gefühl weiter zu. "Mit den schlechten Sicht- und Wetterbedingungen erhöht sich der Stressfaktor", sagt Professor Wolfgang Fastenmeier vom Fachbereich Psychologie des Verkehrswesens an der Psychologischen Hochschule Berlin.

Veränderte Straßenverhältnisse mit Umsicht meistern

Schnee und Eis erzeugen ungewohnte Fahrsituationen und stellen höhere Anforderungen. Vor allem Menschen aus Regionen, wo selten Schnee liegt, haben oft nicht richtig gelernt, mit solchen Verhältnissen umzugehen, so Fastenmeier.  

Für Betroffene gerät das Autofahren oft zur Qual – und das ist ­gefährlich. Sie sind von der eigentlichen Aufgabe abgelenkt. Wer unter Stress steht, macht Fehler. Zudem wird man durch die Anspannung mitunter unausgeglichen, manchmal sogar aggressiv.

Dabei zählen gerade im Winter Vorsicht, Umsicht und Rücksicht doppelt. "Es geht nicht nur darum zu schauen, wie ich selbst ungehindert vorankomme, sondern darum, gemeinsam mit anderen Verkehrsteilnehmern die schwierige Situation zu meistern", erläutert Psychologe Fastenmeier.

So wird das Auto winterfit

  • Winterreifen frühzeitig aufziehen
  • Frostschutzmittel für Wischwasser und Kühler auffüllen
  • Batterie laden, Überbrückungskabel im Kofferraum mitführen, auch ein Abschleppseil ist sinnvoll
  • an Eiskratzer und Schneebürste denken
  • Schlossenteiser griffbereit haben
  • warme Decken für Notfälle in den Kofferraum legen
  • Handy-Ladekabel mitnehmen, das man bei Bedarf an den Zigarettenanzünder anschließen kann
  • eventuell Schneeketten einpacken

Verzicht ist keine Lösung

Fastenmeier rät zu einer defensiven Fahr­weise – und dazu, anderen Fehler zuzugestehen und zu verzeihen. Auch Bernd Lehnert, Leiter der Begutachtungsstelle für Fahreignung des TÜV Hessen, betont: "Wer mit Fehlern ­anderer Verkehrsteilnehmer rechnet, kann schneller reagieren und wird selten kalt erwischt."

Nicht ratsam ist es den Experten zufolge, die unangenehme Situation einfach zu vermeiden und im Winter generell aufs Autofahren zu verzichten. "Das ist auf Dauer wenig empfehlenswert, denn so fehlt die Übung gänzlich", erklärt Fastenmeier. Stress lässt sich nur minimieren, indem entsprechende Gegebenheiten und der Umgang damit geübt werden. So sollten Autofahrer einmal gedanklich durchspielen, wie sie auf schwierige Situationen reagieren würden.

Tipps für weniger Stress hinter dem Steuer

  • Befreien Sie das Auto vor dem Start vollständig von Eis und Schnee. Die Scheiben sollten auch während der Fahrt beschlagfrei bleiben. Dabei können spezielle Entfeuchter helfen.
  • Auch wenn Sie anfangs vielleicht ein wenig frieren: Verzichten Sie am Steuer auf Winterjacke, Schal oder dicke Handschuhe. Sie schränken Ihre Bewegungsfreiheit ein.
  • Gerade bei Fahrten im Winter sollten Hilfsmittel wie Brille und Hörgerät
    unbedingt in Ordnung sein. Durch Schneefall, frühe Dunkelheit und das Blenden anderer Scheinwerfer ist die Sicht ohnehin oft eingeschränkt.
  • Halten Sie für Tageszeiten, in denen die Sonne tief steht, eine Sonnenbrille bereit.
  • Machen Sie bei längeren Fahrten, etwa einer Urlaubsreise, regelmäßig Pausen. Lockern Sie Ihre Arme und Ihren Nacken, gehen Sie ein paar Schritte an der frischen Luft.
  • Informieren Sie sich im Radio über die aktuelle Verkehrslage.
  • Für den Fall, dass Sie in einen Stau geraten: Nehmen Sie auf längeren Fahrten ein heißes Getränk und ­Decken mit. Tanken Sie immer ­frühzeitig, damit Sie auch im Stau entspannt bleiben können.

Sicherheitstraining für den Winter

Eine weitere Möglichkeit, um den Umgang mit winterlichen ­Straßenverhältnissen zu üben, sind spe­zielle Trainingsprogramme. Auf Verkehrsübungsplätzen oder in Fahr­­sicherheitszentren lassen sich bei Lehrgängen von Automobilclubs oder -herstellern Extremsituationen mit dem Pkw gefahrlos simulieren, etwa Ausweichmanöver oder Vollbremsungen.

"Durch die Übungen erleben die Teilnehmer, wie sich das Auto in Extrem­­situationen verhält. Sie bekommen Tipps von professionellen Instruktoren und verlieren oftmals die Furcht vor solchen Situationen", berichtet Bernd Lehnert. Das Training vermittelt ängst­lichen Menschen mehr Sicherheit am Steuer. Ein geübter Fahrer fühlt sich seltener überfordert. 

Manchmal helfen außerdem selbstberuhigende Programme wie autogenes Training oder Atemübungen, die Angst vor glatten Straßen zu überwinden. "So etwas funktioniert aber nur, wenn Fahrer sie dauerhaft anwenden und regelmäßig trainieren", betont Psychologe Fastenmeier.

Zeit zum Kratzen muss sein

Wohlfühlmusik oder eine angenehme Temperatur tragen ebenfalls zu einer entspannteren Atmosphäre im Auto bei. Und natürlich fühlen sich Fahrer sicherer, wenn ihr Gefährt winterfest ist. "Wer weiß, dass er sich auch in Extremsituationen auf sein Auto verlassen kann, fährt beruhigter", ist Lehnert überzeugt.  

Zu den größten Stressfaktoren im Winter zählen allerdings Berufsverkehr, Termindruck, Dränglerstrecken und hohe Geschwindigkeit trotz schwieriger Straßenverhältnisse. Dagegen hilft eine umsich­tige Planung: früh starten und einen Zeitpuffer einbauen – auch für das Freikratzen der Scheiben oder das Schneeräumen vor der Garage. "Mit ­einem Blick aus dem Fenster oder auf eine Wetter-App kennen Autofahrer ­außerdem die Vorhersage und werden nicht unangenehm überrascht", meint Bernd Lehnert. Beispielsweise von starkem Schneefall oder überfrierender Nässe.

Drängeln nervt, Kriechen auch

Und wenn es dann doch einmal passiert? Man rutscht in den Straßengraben, gerät in einer Kurve ins Schlingern oder fährt dem Vordermann gegen die Stoßstange. "Wer generell entspannt und ruhig unterwegs ist, handelt auch in einer schwierigen Lage besonnener", sagt TÜV-Experte Lehnert. Ruhig bedeutet für ihn allerdings nicht unbedingt langsam: "Man sollte seine Geschwindigkeit reduzieren, ohne selbst ein Verkehrshindernis zu werden." Schließlich will nicht jeder beim ersten Schnee nur 50 km/h fahren.