Wie Profis mit Sportverletzungen umgehen

Muskelzerrung, Bänderriss oder das Sprunggelenk: Egal welche Verletzung, Physiotherapeuten und Ärzte scheinen Profifußballer im Handumdrehen zu heilen. Warum Amateure bei ihrer Genesung geduldiger sein sollten

von Dr. Reinhard Door, 08.08.2018
Sportverletzungen

Noch ein beliebter Kniff bei Sportlern: Das Bein mit Frischhaltefolie umwickeln, damit die aufgetragene Salbe länger hält


Bei Spielen des deutschen Fußballteams saßen bis vor kurzem Orthopäde Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Chef-Physiotherapeut Klaus Eder auf der Bank. Wenn sich ein Spieler vor Schmerzen auf dem Boden wälzt und der Schiedsrichter winkt, mussten Müller-Wohlfahrt und Eder aufspringen und aufs Spielfeld laufen.

Dann tasteten sie und drückten, kühlten die betroffene Stelle mit Eisspray, redeten mit dem Verletzten, achteten auf seine Körpersprache. Häufig stellten sie noch auf dem Platz eine vorläufige Diagnose, legten Kompressionsverbände an und entschieden, ob der Spieler weitermachen kann. Mitunter stehen die Müllers, Hummels und Khediras dann rasch wieder auf dem Spielfeld, kicken, als ob nichts geschehen wäre. Und der Zuschauer vor dem Bildschirm könnte fast meinen, das alles sei nur Show gewesen.

Bei Verletzungen behandelt Klaus Eder vor allem die Faszien

"Das ist keineswegs ein abgekartetes Spiel", sagt Eder. "Wenn Sportmediziner und Sportphysiotherapeuten gut zusammenarbeiten, können sie bei Verletzungen einiges bewirken." Seit 1988 war der 64-Jährige Teil des DFB-Teams. In seinem Reha-Zentrum in Donaustauf bei Regensburg behandelte er Nationalspieler und andere Leistungssportler. Trikots mit Widmungen bekannter Namen wie Bastian Schweinsteiger oder Toni Kroos schmücken die Wände, in zwei Räumen schwitzen Patienten an teilweise computergesteuerten Trainingsgeräten.

Klaus Eder

Bei akuten Verletzungen auf dem Spielfeld waren für Eder die Hände das wichtigste Arbeitsgerät. So konnte er oft schon ertasten, ob ein Muskel nur gezerrt ist oder ob Fasern gerissen sind. Mal mit einem festen Daumendruck, mal mit Streichbewegungen korrigiert er Probleme von Muskeln, Bändern und Sehnen. Vor allem die Faszien behandle er auf diese Weise, sagt Eder. Das Bindegewebe, das unter anderem Muskeln umspannt, verbinde den ganzen Körper miteinander und sei entsprechend störanfällig. Faszien können verkürzt sein, mit dem Muskel verkleben, sich verdrehen, umfalten, reißen. Auch eine Muskelzerrung ist laut Eder im Grunde ein Problem der Faszien.

Physiotherapeuten üben Kritik an der Faszientheorie

An diesen Erklärmodellen des erfolgreichen Physiotherapeuten melden Kollegen allerdings Zweifel an. "Die Popularität der Faszientech­niken steht bislang in einem Missverhältnis zur wissenschaftlichen Datenlage, insbesondere was den Vergleich mit etablierten physiotherapeutischen Methoden betrifft", sagt etwa Dr. Cordula Braun, Physiotherapeutin und Dozentin für angehende Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule 21 in Buxtehude. "Man darf die Faszien zudem nicht isoliert betrachten", sagt sie. "Wer Patienten mit den Händen behandelt, beeinflusst immer auch andere Strukturen wie Muskeln und Gelenke."

Professor Axel Schäfer, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft, hält die Fokussierung auf Faszien für eine Modeerscheinung. Er vergleicht dies mit der Behandlung von Rückenschmerzen in den letzten Jahrzehnten: Früher stand das Einrenken von Wirbeln im Zentrum, dann die Nervenmobilisierung, später lautete die Empfehlung, man solle den Rücken möglichst gar nicht anfassen und die Patienten stattdessen beraten. Physiotherapeutische Behandlungen hätten gute Effekte auf Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, aber ihre Wirkweise sei oft wenig erforscht, sagt Schäfer.

Wie bei allen Therapien sei manchmal auch der Ruf des Therapeuten für den Erfolg wichtiger als die direkte Wirkung seiner Behandlungen. Noch deutlicher drückt das der Mannschaftsarzt eines Bundesligaklubs aus: "Natürlich arbeiten wir auch mit dem Placeboeffekt", sagt der Mediziner, der seinen Namen hier nicht lesen will. "Wir nutzen Stoßwellen, Elektrotherapie, klassische Massage, Akupunktur, Magnetresonanz und vieles andere", so der Orthopäde. "Aber ob das wirklich mehr bringt als einfach das gute Gefühl, behandelt zu werden, wissen wir nicht."

Amateure sollten nach Verletzung Sport-Pause einhalten

Am wichtigsten sei wohl, je nach Ausmaß der Verletzung eine kurze oder längere Pause einzulegen. Das gilt gerade für die häufigsten Verletzungen beim Fußball: Muskelzerrungen oder -faserrisse, Bänderverletzungen am Sprunggelenk, Knieprobleme. Profifußballer würden jedoch häufig zu früh wieder einsteigen. Mit dem Risiko, dass zum Beispiel ein frisch verheiltes Ersatz-Kreuzband erneut reißt, ein Ermüdungsbruch wieder aufbricht oder eine Schambeinentzündung sich noch verschlimmert.

DFB-Physiotherapeut Eder warnt Hobbysportler davor, diesem Vorbild nachzueifern. Mehr noch: "Einem Amateur empfehle ich schon mal, mit dem Fußballspielen aufzuhören, vor allem wenn etwa bei einem Kreuzbandriss noch ein Meniskus- und Knorpelschaden hinzukommen." Dr. Patrick Ingelfinger von der Viktoria Klinik in Bochum kann diese Empfehlung nur unterschreiben. Der Mannschaftsarzt von Schalke 04 berichtet etwa von einem Patienten mit Kreuzbandriss und Meniskusschaden, der noch jahrelang in der Bezirksliga kickte – und nun nicht mal mehr mit den Kindern auf den Bolzplatz kann.

Profis trainieren nach einer Operation sehr intensiv

Ingelfinger rät Amateuren, sich bei der Ausheildauer nicht an Leistungssportlern zu messen: "Profis trainieren in der Reha fast täglich drei bis vier Stunden. Das kann man natürlich nicht mit der ein- bis zweimal wöchentlich angewandten Physiotherapie bei Hobby­sportlern vergleichen." Diese sollten deshalb nicht so schnell wieder einsteigen. Zum Beispiel nach einem Kreuzbandriss: Profis trainieren nach einer Operation intensiv Beweglichkeit, Kraft und Koordination, dazu schnelle ­­Bewegungen und Richtungswechsel – alles professionell begleitet und mit stufen­weiser Steigerung. 

Amateure hingegen seien am Ende der Reha "funktionell" oft nicht wirklich fit. Sie landen zum Beispiel nach Sprüngen noch in leichter X-Bein-Stellung, die Gelenkbewegung und die Reflexe sind zu langsam, schnelle Drehungen wirken unkoordiniert. All das erhöht die Gefahr einer erneuten Knieverletzung. Und damit auch das Risiko für schmerzhaften Gelenkverschleiß 10, 20 Jahre später. Verletzte Hobbysportler sollten Geduld haben, sich lange genug schonen. Und in dieser Zeit zum Beispiel vor dem Fernseher beim Fußball mitfiebern.

Checkliste für die Sportapotheke

Was Sie bei Sportverletzungen ­parat haben sollten, können Sie sich hier selbst zusammenstellen: