Ist Sex gefährlich für das Herz?

Vor allem Menschen mit Herzproblemen fürchten, der Geschlechtsakt könnte ihr Pumporgan überfordern. Doch Herzexperten geben Entwarnung

von Stephan Soutschek, 18.11.2016

Vertraut: Herzpatienten und ihre Partner müssen meist nicht auf Intimität verzichten


Sex ist gesund. Er setzt einen Hormoncocktail frei, der Stress abbaut, Glücksgefühle auslöst und für ein Gefühl der Verbundenheit zwischen den Beteiligten sorgt. Langfristig stärkt der Liebesakt zudem das Immunsystem und das Herz-Kreislaufsystem.

Trotz allem ist die Vorstellung weit verbreitet, dass Sex gefährlich für das Herz sein kann. Vor allem Männer, die schon einmal einen Herzinfarkt erlitten hatten, plagt die Vorstellung, mitten im Geschlechtsakt einen erneuten Anfall zu erleiden. Zurecht? "Für ein gesundes Herz ist Sex kein Problem, für ein krankes Herz auch nur sehr selten", sagt Dr. Christian Neuhof, Facharzt für Innere Medizin und Psychotherapie am Sexualmedizinischen Kompetenzzentrum in Hannover.

Studien: Sex geht selten Herzinfarkt voraus

An Untersuchungen, die diese Aussage untermauern, fehlt es nicht. hatte ein Team um Professor Dieter Rothenbacher von der Universität Ulm die Daten von 536 Infarktpatienten ausgewertet. Nur drei von ihnen hatten eine Stunde vor dem Vorfall Sex gehabt, also nur sehr wenige. Diese zeitliche Nähe muss zudem nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Geschlechtsakt direkt verantwortlich war für den Herzinfarkt.

In den 1990er Jahren kam eine amerikanische Untersuchung zu einem ähnlichen Ergebnis: . Betroffen sind übrigens vor allem Männer.

Körperlich Fitte haben wenig zu befürchten

Als die beiden US-Forscher Issa Dahabreh und Jessica Paulus 2011 für eine Meta-Analyse zehn Studien auswerteten, stellten sie fest, .

"Sex kann vor allem für Bewegungsmuffel ein Problem sein", sagt Dr. Norbert Smetak, Vorsitzender vom Bundesverband Niedergelassener Kardiologen. Je besser jemand in Form ist, desto weniger muss er sich in der Regel beim Akt vor gefährlichen Nebenwirkungen fürchten. Die körperlichen Anforderungen sind nicht besonders hoch: "Wer zwei Stockwerke die Treppe hochgehen kann, kann in der Regel auch gefahrlos sexuell aktiv sein", so Smetak.

Auch Herzpatienten müssen meist nicht verzichten

"Die Herzfrequenz klettert beim Sex selten auf mehr als 120 Schläge", sagt Sexualmediziner Christian Neuhof. Die Belastung ist deswegen nicht größer als bei einem flotten Spaziergang. Sogar nach einem überstandenen Herzinfarkt oder bei einer anderen Herzerkrankung müssen Patienten sich deshalb nicht in Enthaltsamkeit üben. Voraussetzung ist allerdings, dass der Gesundheitszustand stabil ist.

Zudem sollten Betroffene eine gewisse Schonfrist einhalten. "Nach einem leichten Infarkt ist etwa zehn Tage Ruhephase angebracht, nach einer Operation am Herz etwa vier Wochen", sagt Smetak.

"Ein Stück Normalität"

Ein Belastungs-EKG gibt nach einem Infarkt Aufschluss über die körperlichen Leistungsgrenzen des Patienten. In der Regel sprechen Ärzte im Rahmen der Reha das Thema Sexualität an. In diese Gespräche beziehen sie nach Möglichkeit die Partner der Patienten mit ein. Schließlich sind diese direkt mit betroffen und meist ebenso unsicher wie die Betroffenen selbst.

Unter Umständen wirkt sich Sex nach einem Herzinfarkt sogar positiv aus, da er Stressgefühle abbaut und für Intimität sorgt. Das kann dazu beitragen, Stimmungstiefs oder Depressionen vorzubeugen, unter denen Herzpatienten häufig leiden. "Gerade für Männer kann es zudem ein wichtiges Stück Normalität bedeuten, nach dem Infarkt wieder sexuell aktiv zu sein", sagt Neuhof. "Für manchen Patienten kann eine erfüllte Sexualität sogar ein Anreiz sein, nach einem Infarkt gesünder zu leben."

Bei Beschwerden: Geschlechtsakt sofort unterbrechen

Herzmediziner Smetak warnt davor, sich nach einem Infarkt unter Leistungsdruck zu setzen. Er empfiehlt, besser langsam in das Sexualleben zurückzufinden. Wer Brustenge oder andere Anzeichen einer Angina pectoris beim Sexualakt bemerkt, sollte diesen unbedingt unterbrechen.

Vorsicht außerdem bei potenzsteigernden Mitteln wie Viagra: "Diese können in Kombination mit Nitro-Präparaten, die als Soforthilfe bei einer Angina pectoris angewendet werden, einen gefährlichen Blutdruckabfall zur Folge haben", sagt Smetak. Wer Viagra eingenommen hat und solche Symptome erlebt, sollte deswegen bei leuchten Beschwerden kurz abwarten, ob diese wieder verschwinden. Ist das nicht der Fall oder bei starken Schmerzen: sofort den Notarzt (112) rufen. Ohnehin sollten Männer in den ersten Monaten nach einem Herzinfarkt oder bei einer instabilen Angina pectoris auf Viagra verzichten. Betroffene lassen sich dazu am besten vom behandelnden Arzt beraten.

Es gibt größere Gefahren für das Herz

Etwas Vorsicht beim Geschlechtsverkehr schadet also nicht bei einem anfälligen Herzen. Überschätzen sollte man die Gefahr aber auch nicht. Statistisch betrachtet sind Stress im Straßenverkehr, Luftverschmutzung, Alkohol und Wutausbrüche .

Fazit: Einem gesunden Herzen schadet Sex nicht. Selbst bei Herzleiden ist die Gefahr eines Infarkts beim Geschlechtsverkehr sehr gering. Patienten können meist sexuell aktiv sein, sollten ihre Leistungsfähigkeit aber von einem Arzt abklären lassen.