Schädel-Hirn-Trauma

Ein Schädel-Hirn-Trauma ist eine Verletzung des Schädels und des Gehirns. Es entsteht, wenn eine äußere Gewalt auf den Kopf einwirkt. Symptome und Folgen hängen von der Schwere des Traumas ab

aktualisiert am 15.11.2018
Menschliches Gehirn (Schematische Darstellung)

Der knöcherne Schädel ummantelt schützend das Gehirn


Schädel-Hirn-Trauma (SHT) - kurz zusammengefasst

Das Schädel-Hirn-Trauma ist Folge einer Gewalteinwirkung auf den Kopf. Dadurch kommt es zur Verletzung des Schädels in Form von Prellungen, Wunden oder Brüchen gepaart mit einer Funktionsstörung und/oder Verletzung des Gehirns. Das SHT wird in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt, je nach Dauer und Rückbildungszeit der Symptome. Die Einteilung gilt für das geschlossene SHT. Demgegenüber steht das offene SHT, bei dem durch eine Mitverletzung der harten Hirnhaut (Dura mater) zusammen mit einer Kopfschwarten- und Knochenverletzung eine Verbindung des Gehirns zur Außenwelt besteht. Die Therapie des geschlossenen Schädel-Hirn-Traumas richtet sich nach der Schwere und reicht von einer "einfachen" Überwachung bis hin zu operativen Verfahren, je nach klinischem Verlauf und bildgebendem Befund (CT-Befund). Ein offenens SHT muss immer operativ versorgt werden.

Was ist ein Schädel-Hirn-Trauma?

Beim Schädel-Hirn-Trauma (SHT) handelt es sich um eine Verletzung des Schädels und des Gehirns infolge eines Traumas. Trauma bedeutet eine körperliche Verletzung durch eine Gewalteinwirkung wie beispielsweise einem Verkehrsunfall, Sturz oder Schlag. Diese Gewalteinwirkung führt zu einer Verletzung des Kopfes und zu einer Funktionsstörung und/oder Verletzung des Gehirns. Wird der Kopf verletzt, das Gehirn jedoch verschont und dessen Funktion bleibt von Anfang an erhalten, dann sprechen Ärzte von einer Schädelprellung.

 

Einteilung des Schädel-Hirn-Traumas


Ein geschlossenes Schädel-Hirn-Trauma lässt sich in drei Schweregrade einteilen (Einteilung nach Tönnis und Loew):

  • leicht (SHT Grad I),
  • mittelschwer (SHT Grad II) und
  • schwer (SHT Grad III).

Nach der veralteten "klassischen" Einteilung wurde das Schädel-Hirn-Trauma eingeteilt in "Gehirnerschütterung" (Commotio cerebri), "Gehirnprellung" (Contusio cerebri) und "Gehirnquetschung" (Compressio cerebri), wobei letztere meist mit einem gesteigerten Druck im Gehirn einhergeht, verursacht durch eine Hirnschwellung (Hirnödem) oder eine intrakranielle Blutung. Die klassische Einteilung ist nicht mit der Einteilung des Schädel-Hirn-Traumas nach Tönnis und Loew gleichzusetzen.

Welcher Schweregrad nach der heutigen Einteilung vorliegt, hängt davon ab, wie schwer die Bewusstseinsstörung ist und wie lange die Bewusstlosigkeit andauert, wann sich die Symptome zurückbilden sowie von den Spätfolgen. Meist zeigt sich die Zugehörigkeit erst im weiteren Verlauf, da ein Schädel-Hirn-Trauma sehr dynamisch verlaufen kann, das heißt, es kann schnell zu einer Zustandsverschlechterung kommen, aber auch eine Besserung ist möglich.

Die Schwere der Bewusstseinsstörung und somit auch des SHT kann mithilfe der Glasgow-Koma-Skala (Glasgow Coma Skale, GCS) dokumentiert werden. Sie bewertet drei Funktionen des Bewusstseins: Augen öffnen, verbale Kommunikation und motorische Reaktion (siehe Skizze unten). Je höher der Wert auf einer Skala von drei bis 15 ist, umso leichter ist die Bewusstseinsstörung und das SHT. Auch während des Verlaufs nach einem SHT wird der Zustand des Patienten mehrfach anhand dieser Skala überprüft und dokumentiert.

Dem geschlossenen Schädel-Hirn-Trauma steht das offene Schädel-Hirn-Trauma gegenüber. Bei einem offenen Schädel-Hirn-Trauma ist die Hirnhaut (Dura) zerrissen und es besteht aufgrund dieser fehlenden Barriere bei gleichzeitiger Weichteil- und Schädelknochenverletzung eine Verbindung des Gehirns zur Außenwelt. Es kann zum Austritt von Hirnwasser (Liquor), Blut und/oder Gehirnmasse kommen. Das Risiko für eine Entzündung der harten Hirnhaut (Meningitis), eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) oder für Eiteransammlungen im Gehirn (Hirnabszesse) steigt dadurch beträchtlich an.

Glasgow Coma Skale (GCS)
Augen öffnen Punkte
spontan 4
auf Aufforderung 3
auf Schmerzreiz 2
kein Augenöffnen 1
   
beste verbale Reaktion Punkte
konversationsfähig / orientiert 5
desorientiert 4
inadäquate Äußerungen 3
unverständliche Laute 2
keine 1
   
beste motorische Reaktion Punkte
folgt Aufforderung 6
gezielte Abwehr 5
ungezielte Abwehr 4
Beugesynergismen 3
Strecksynergismen 2
keine 1
Rettungswagen

Ursachen für ein Schädel-Hirn-Trauma

Ursächlich für ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Gewalteinwirkung auf den Kopf. Bei jüngeren Menschen ist häufig ein Verkehrsunfall schuld. Dabei prallt der Kopf beispielsweise mit großer Geschwindigkeit auf das Lenkrad oder gegen die Windschutzscheibe. Bei älteren Menschen finden sich eher Stürze als Verursacher des Schädel-Hirn-Traumas. Auch Unfälle, die während des Sports, der Arbeit und im Haus passieren, können ein Schädel-Hirn-Trauma bedingen. Ein typischer Fall hierfür ist der unbehelmte Radfahrer, welcher auf den Kopf stürzt. Ebenso können Gewaltverbrechen, bei denen es zu Schlägen, Hieben oder Kopfschüssen kommt, zu einem Schädel-Hirn-Trauma führen.

Frau wird im Cafe schwindelig

Symptome eines Schädel-Hirn-Traumas

Ein Schädel-Hirn-Trauma kann eine ganze Reihe unterschiedlicher Symptome hervorrufen. Sie hängen davon ab, welche Gehirnregion beeinträchtigt ist und wie groß die Kraft war, die auf das Gehirn eingewirkt hat.

Leichtes gedecktes Schädel-Hirn-Trauma

Ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma (GCS: 13-15 Punkte) – umgangssprachlich als Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) bezeichnet – kann sich allgemein durch Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen äußern. Der Patient kann für kurze Zeit benommen sein oder das Bewusstsein für wenige Minuten (unter fünf Minuten) verlieren. Häufig besteht eine Erinnerungslücke für den Zeitraum vor und nach dem Unfall (retrograde beziehungsweise anterograde Amnesie). Eine komplette Rückbildung aller Symptome tritt meist innerhalb von fünf Tagen ein. Es handelt sich um eine kurzandauernde Störung der Gehirnfunktion.

Mittelschweres gedecktes Schädel-Hirn-Trauma

Liegt ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma (GCS: 9 -12 Punkte) treten ähnliche Beschwerden auf. Allerdings ist der Verletzte länger bewusstlos (Bewusstseinsverlust bis zu 30 Minuten) oder verwirrt. Zusätzlich können neurologische Symptome auftreten: Lähmungserscheinungen, Doppelbilder oder Probleme beim Sprechen. Die Verletzungen können sich vollständig zurückbilden, je nach Schwere und Lokalisation der Gehirnverletzung können aber auch Schäden bleiben.

Schweres gedecktes Schädel-Hirn-Trauma

Bei einem schweren Schädel-Hirn-Trauma (GCS: 3 - 8 Punkte) hält die Bewusstlosigkeit länger an (länger als 30 Minuten) und kann sogar über Tage oder gar Wochen bestehen. Das Gehirn weist starke Verletzungen auf. Der Patient kann neurologische Symptome wie Lähmungen oder epileptische Anfälle entwickeln. Des weiteren kann es zu Störungen der Atmung und des Kreislaufes kommen. Ein schweres Schädelhirntrauma ist lebensbedrohlich. Bleibende neurologische Defizite sind sehr viel wahrscheinlicher als beim leichten oder mittelschweren SHT.

Risiken: Welche Folgen kann ein Schädel-Hirn-Trauma haben?

Wer ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat, entwickelt häufig ein sogenanntes posttraumatisches Syndrom, das meist nur für wenige Tage anhält. Dem Patient schmerzen Kopf und Nacken, ihm ist übel und schwindlig, er kann sich schlecht konzentrieren, er ist gereizt und merkt sich Dinge schlechter. Eher selten halten diese Beschwerden für Wochen an. Ein leichtes Trauma klingt im Normalfall ohne Folgen ab.

Bei einem mittelschweren und schwereren Schädel-Hirn-Trauma kann es neben den Verletzungen, die direkt durch die Gehirnprellung ausgelöst werden, zu sekundären Hirnschäden kommen. Ursache dafür kann zum Beispiel ein Hirnödem (Gehirnschwellung) sein. Das Problem dabei: Der knöcherne Schädel kann sich nicht weiten. Damit wird der Platz für das geschwollene Gehirn in Relation zu klein und der Druck im Schädel, ebenso wie im Gehirn, steigt an. Ein gesteigerter intrakranieller Druck kann lebensgefährlich werden. Darüber hinaus können Betroffene infolge eines Schädelhirntraumas epileptische Anfälle bekommen und bleibende neurologische Defizite wie Lähmungen, Sprachstörungen und Bewusstseinsstörungen entwickeln.

Wichtig: Spüren Sie eine Woche, nachdem ein Arzt bei Ihnen ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma festgestellt hat, immer noch Beschwerden, sollten Sie erneut zum Arzt gehen. Nehmen beispielsweise Kopfschmerzen zu, müssen Sie sich wiederholt erbrechen, sehen Sie Doppelbilder, sind verwirrt oder haben Lähmungserscheinungen, dann müssen Sie sofort einen Arzt aufsuchen. 

Bitte gegen die Kopfschmerzen keine blutverdünnenden Medikamente wie z.B. ASS oder Acetylsalizylsäure einnehmen, da im Falle einer Blutung diese zunehmen kann. Wenn Sie bereits blutverdünnende Medikamente mit Wirkstoffen wie Acetylsylicylsäure (ASS), Clopidogrel, Phenprocoumon, Rivaroxaban oder ein anderes Medikament der sogenannten neuen oralen Antikoagulantien (NOAK; Anti-Xa-Hemmer, Xabane) einnehmen, sollten sie bereits bei einem leichten SHT mit Symptomen einen Arzt aufsuchen. Je nach klinischem und bildmorphologischem Befund muss das Medikament gegebenenfalls pausiert oder sogar ein Mittel gegeben werden, welches die Wirkung der blutverdünnenden Medikamente aufhebt.

Arzt schaut sich Röntgenbild zur Diagnose an

Diagnose eines Schädel-Hirn-Traumas

Bei einer Kopfverletzung untersucht der Arzt beziehungsweise Notarzt den Patienten. Er überprüft neben Atmung, Puls, Blutdruck und Pupillenreaktion ob neurologische Ausfälle vorliegen. Daneben fragt er den Verletzten (sofern möglich), was passiert ist, und verschafft sich einen ersten Überblick. Die Befunde der Bewusstseinsprüfung werden anhand der Glasgow Coma Skale (GCS, siehe oben) dokumentiert.

Hat der Patient ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und finden sich neurologische Ausfälle, Erinnerungslücken, eine Bewusstseinstrübung oder gar ein Koma ist der Goldstandard in der Klinik eine Computertomografie (CT) des Schädels. Im Rahmen von Mehrfachverletzungen nach einem Verkehrsunfall wird ein sogenanntes Spiral-CT gemacht, in welchem neben dem Kopf auch der Körper dargestellt werden kann. Bei einem leichten Schädel-Hirn-Trauma kann gegebenenfalls auf eine CT-Untersuchung verzichtet werden. Ob eine CT-Untersuchung notwendig ist, wird in Abhängigkeit von Alter, Krankengeschichte, Medikamentenliste, Unfallhergang und Untersuchungsergebnissen vom Arzt festgelegt. Eine Computertomografie kann Verletzungen des Gehirns, intrakranielle Blutungen und Schädelbrüche sichtbar machen. In seltenen Fällen ist eine ergänzende Magnet-Resonanz-Tomografie nötig.

Hinweis: Wer blutverdünnende Medikamente einnimmt, sollte dies dem Arzt auf jeden Fall sagen (manchmal ergibt es sich auch aus einem mitgeführten Ausweis). Denn durch die Mittel bluten nicht nur äußerliche Wunden länger, sondern auch innere Blutungen und solche im Gehirn.

Ärztin bespricht mit Mutter von Kind den Therapieplan

Therapie eines Schädel-Hirn-Traumas

Behandlung eines leichten Schädel-Hirn-Traumas

Wer ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma hat, muss nicht zwangsläufig in ein Krankenhaus aufgenommen werden. Es sollte zur Sicherheit eine Vorstellung erfolgen. Je nach Befund entscheidet der Arzt  dann von Fall zu Fall ob eine stationäre Überwachung erfolgen sollte. Kommt es zu einem posttraumatischen Syndrom (siehe Kapitel Risiken), lassen sich die Beschwerden je nach Art der Krankheitszeichen behandeln. Gegen Kopfschmerzen kann der Patient nach Rücksprache mit dem Arzt beispielsweise Schmerzmittel einnehmen. Wer Nackenschmerzen hat, dem hilft eine Kombination aus Physiotherapie, Kälte- oder Wärmeanwendungen sowie muskelentspannenden Medikamenten. 

Therapie des mittelschweren und schweren Schädel-Hirn-Traumas

Bei einem mittelschweren oder schweren Schädel-Hirn-Trauma beginnt der Notarzt bereits am Unfallort beziehungsweise während des Transports mit der Behandlung. Das Wichtigste dabei: Blutdruck stabilisieren und Atmung aufrechterhalten – zur Not durch künstliche Beatmung. Denn zu niedriger Blutdruck und Sauerstoffmangel im Blut gehören zu den wichtigsten Ursachen für sekundäre Hirnschäden (siehe Kapitel Symptome). Im Krankenhaus wird der Verletzte dann gezielt behandelt. Schwellen Bereiche im Gehirn stark an oder treten dort Blutungen auf (intrakranielle Blutung), muss der Patient gegebenenfalls operiert werden.

Neurologische Beschwerden

Kommt es bei einem schweren Schädel-Hirn-Trauma auch zu neurologischen Ausfällen, gehört zur Behandlung auch eine Rehabilitation. Diese beginnt oft direkt nachdem der Patient intensivmedizinisch und neurochirurgisch versorgt wurde (neurologische Frührehabilitation). Wie die Reha im Einzelnen aussieht, richtet sich unter anderem nach den Beschwerden und den neurologischen Ausfallerscheinungen des Patienten. Der Rehabilitations- und Heilungsverlauf kann bis zu zwei Jahre dauern. Je jünger ein Mensch ist, je kürzer er bewusstlos war und je geringer der Schweregrad des Schädelhirntraumas ausfiel, desto höher sind die Heilungschancen. Auch welche Symptome nach dem Trauma aufgetreten sind, spielt dabei eine Rolle.

Chefärztin PD Dr. Carla Jung

Beratende Expertin

Privatdozentin Dr. med. Carla Jung ist Fachärztin für Neurochirurgie. Nach einem zweijährigen Forschungsaufenthalt am Surgical Neurology Branch der National Institutes of Health, Bethesda, MD, USA, arbeitete sie von 2007 bis April 2018 als Fachärztin, Oberärztin und Geschäftsführende Oberärztin in der Abteilung für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Heidelberg. Seit Mai 2018 ist sie Chefärztin der Klinik für Neurochirurgie des Agaplesion Bethesda Krankenhauses Wuppertal (Akademisches Lehrkrankenhaus der Uniklinik RWTH Aachen).

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Quellen:

  • Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC), Leitlinie Schädel-Hirn-Trauma im Erwachsenenalter, Update 2015; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/008-001l_S2e_Schaedelhirntrauma_SHT_Erwachsene_2016-06 (abgerufen am 1. Oktober 2018)
  • Siewert, Chirurgie, 8. Auflage, Springer-Verlag, S. 195 ff

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