Psychotherapie: Die Heilkraft des Schreibens

Schreiben wirkt. Wer dem Papier seine Gefühle anvertraut, entlastet nicht nur die Seele. Er lernt sich selbst auch besser kennen. Das lässt sich therapeutisch nutzen

von Sonja Gibis, 22.08.2018
Text

Ingrid Peter verarbeitet in ihren Gedichten Momentaufnahmen und Stimmungen, aber auch ihre Vergangenheit


Wenn Ingrid Peter, 72, sich an die dunklen Momente ihrer Kindheit erinnert, kennt sie ein Mittel, das alles heller erscheinen lässt: Stift und Papier. "Sobald ich etwas niederschreibe, wiegt es schon nicht mehr so schwer", erzählt sie. Zum Beispiel Gedanken über die nie gekannte Mutter, die starb, als Ingrid Peter gerade sechs Wochen alt war – weil am Ende des Kriegs Medikamente fehlten. Dann das harte Leben in einer Pflegefamilie, die Flucht aus Bayern in die Schweiz, weil "kein Weg mehr war", wie es in einem ihrer Gedichte heißt.

Wenn das Erlebte vor ihr steht, klangvoll geformt in Reime und Verse, ist es, als müsste sie es nicht mehr alleine ­tragen. "Ich kann dann auch weinen", erzählt sie. "Und der Schmerz scheint davonzuschwimmen."

Versuche, sich selbst zu heilen

Die Erkenntnis, dass Schreiben hilft, ist nicht neu. Jeder, der sich in kummervollen Stunden seinem Tagebuch anvertraut hat, weiß das. Auch beim Blick in die Weltliteratur trifft man überall auf verletzte Seelen – und ergreifende Versuche, sich selbst zu heilen.

Berühmt ist nicht nur das Tagebuch der Anne Frank oder Franz Kafkas Brief an den Vater. "Ich war ein Sterbender, der gegen das Sterben anschrieb", so die Schriftstellerin Hilde Domin über die Zeit, als sie zu dichten begann. Der britische Schriftsteller Graham Greene bringt es auf den Punkt: "Schreiben ist eine Art Therapie."

Emotionale Erleichterung

Wenn Schreiben Therapie ist – lässt es sich dann auch gezielt einsetzen? Der amerikanische Psychologe James Pennebaker war davon überzeugt. Mitte der 1980er-Jahren untersuchte er die von ihm entwickelte Methode des expressiven Schreibens. Für den Test teilte er Studierende in zwei Gruppen ein und ließ sie schreiben: 15 Minuten lang und mehrere Tage hintereinander. Die einen über ein belastendes Ereignis, einen Unfall, eine verlorene Liebe, die anderen über ein oberflächliches Thema wie ihre Zeitplanung. Wer sich auf dem Papier emotional erleichtert hatte, fühlte sich in den fol­gen­den Monaten wohler und suchte seltener einen Arzt auf. Weitere Studien zeigten sogar messbare körperliche Ver­änderungen: Das Immunsystem wurde schlagkräf­tiger, der Blutdruck sank.

Inzwischen haben viele Untersuchungen die positiven Effekte bestätigt. Doch wie wirkt Schreiben und warum? "Schreiben ist zunächst eine Entlastung", erklärt die Autorin und Schreib­therapeutin Professorin Silke Heimes von der Hochschule Darmstadt.

Prof. Silke Heimes

Papier als Gesprächspartner

Schmerzvolle Gefühle wegzusperren, vor sich und anderen, gilt Psychologen zufolge als schädlich. Wer ein Trauma erlitten hat, verarbeitet das Erlebte leichter, wenn er die Emotionen Menschen gegenüber ausdrücken kann, die mitfühlen und zuhören. Doch was, wenn ein solcher Zuhörer fehlt – oder das nötige Vertrauen? Untersuchungen zeigen, dass auch Papier ein intimer "Gesprächspartner" sein kann.

Doch Schreiben schafft nicht nur ein Ventil für Gefühle. Sie lassen sich dadurch auch verarbeiten. "Man löst sich aus Grübelschleifen", erklärt Heimes. Im Formulieren finden die Gedanken eine Struktur. Das Innere bahnt sich ­einen Weg nach außen, tritt einem als etwas Fassbares gegenüber. Man kann den Text erneut lesen, analysieren, sich selbst erkennen. "Man schreibt sich an sich selbst heran", sagt Heimes.

Und noch mehr: "Etwas in Worte zu fassen kann sinnstiftend wirken." Wenn das Leben so stark erschüttert wurde, dass es fast zerbricht, verleiht Erzählen eine neue Form. Wo Zufall war, schafft es einen Zusammenhang. All die Berichte, Bücher, Blogs über Krankheiten und andere Schicksalsschläge – sie sind auch ein Versuch, das Erlebte in eine Geschichte zu bringen und ihm so Sinn zu verleihen.

Am Anfang Freude am Fabulieren wiederentdecken

Die Schreibtherapie versucht all das zu nützen. Doch dazu muss man erst mal ins Formulieren kommen. In der Hand ein Stift, vor sich ein leeres Blatt Papier: Nicht wenige fühlen sich in einer solchen Situation blockiert wie in der Schule, wo Diktate und Aufsatzdidaktik jede Schreiblust ab­töteten.

"Viele Erwachsene sind anfangs gehemmt", sagt die Psychotherapeutin Dr. Barbara Schulte-Steinicke, die an der Alice-Salomon-­Hochschule Berlin kreatives und biografisches Schreiben unterrichtet. "Wichtig ist, die ursprüngliche Freude am Fabulieren wiederzuerwecken." Zum Beispiel durch freies Assoziieren. Wörter, die etwa beim Betrachten ­eines Gemäldes spontan auftauchen, landen auf dem Papier. Später wird daraus eine Geschichte.

Gefühle beim Schreiben verarbeiten

Ist die Lust geweckt, lässt sie sich vielfältig nutzen. Etwa zum kreativen Schreiben, das Fantasie und Schöpferkraft freisetzt. Eine Schreib­therapie bahnt indes nicht nur den Weg zu tief liegenden, oft schmerzhaften Gefühlen. Sie soll auch eine Möglichkeit bieten, diese zu verarbeiten.

"Mir hat das eine neue Welt eröffnet", erzählt Ingrid Peter, die die Schreibtherapeutin Silke Heimes in der Schweiz kennenlernte. Schon Jahre zuvor hatte sie begonnen, ihre Gefühle zu Papier zu bringen – und die ihr gemäße Form gefunden: das Gedicht. Schreiben half, das Erlebte zu ertragen: dunkle Erfahrungen von Missbrauch, Schweigen und Einsamkeit.

Doch musste sie einen Weg finden, diese Seiten umzublättern, die das Leben für sie geschrieben hatte.  "Ich habe gelernt, mir die guten Er­innerungen im Schreiben größer zu zaubern", sagt sie und lacht. Das hat auch ihre Gedichte verändert. "Heute schon barfuß über nasse Steine gehüpft", schreibt sie jetzt. "Mit den Fröschen gequakt am See, einen Wettlauf gemacht mit den Hasen."

Distanz schaffen

Wie jede Therapie kann das Schreiben auch Nebenwirkungen haben. Zum Beispiel, dass man sich nur tiefer in alte Schmerzen hineinwühlt. Doch es gibt Mittel dagegen: "Struktur ist überaus wichtig", betont Psychologin Schulte-Steinicke. Sie setzt den über­borden­den Gefühlen etwas Begrenzendes ent­gegen, etwa durch bestimmte Textformen.

Auch profitiert, wer statt "ich" "er" oder "sie" verwendet. "Die dritte Person schafft mehr Distanz", erklärt Heimes. Über Briefe lässt sich ein ­Dialog mit Menschen suchen, mit denen dieser real nicht möglich ist.

Einen Schreibtherapeuten finden

Wer sich auf die Suche nach einem Therapeuten machen will, hat es allerdings nicht leicht. Während Stift und Papier vor allem in englischsprachigen Ländern genützt werden, um die Seele zu entlasten, findet man in Deutschland nur einzelne Psychotherapeuten, die damit arbeiten. Adressen gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie. Die Kassen übernehmen die Kosten aber nicht. "Deutschland ist in Sachen Schreibtherapie ein Entwicklungsland", sagt Heimes.

Ingrid Peter hat für die Frauen in ihrer Umgebung eine Möglichkeit ­­gefunden, die Heilkraft der Sprache dennoch zu nutzen. Einmal im Monat treffen sie sich, schreiben einen Nachmittag lang, lesen einander die Texte vor. Die Wahl-Schweizerin freut sich zu sehen, wie die Teilnehmerinnen den inneren Kritiker überwinden, zu mehr Selbstbewusstsein finden.

Einstieg in eine neue Karriere

Peter selbst hat inzwischen drei Gedichtbände veröffentlicht. Neben ihrer eigenen Geschichte spiegeln sich darin fremde Schicksale wider. "Das Schreiben hat mich auch für andere mehr geöffnet", sagt sie. Vor allem aber hat es ihr den Weg in ein Leben gezeigt, das heute heitere Geschichten für sie schreibt.