Psychische Gesundheit im Job: Was tun?

Die Fehltage wegen psychischer Störungen steigen seit Jahren an. Gleichzeitig kommen zu wenige Arbeitgeber ihrer Präventionspflicht nach

von Konstanze Faßbinder, 16.02.2018
Überlastung

Immer schneller, immer mehr: Beruflicher Stress kann zu psychischen Krankheiten beitragen


Siebzehn Milliarden Euro. So viel Geld ist der deutschen Wirtschaft 2015 durch die Lappen gegangen – aufgrund von Krankschreibungen ­wegen psychischer Leiden. Allein aufgrund dieser Zahlen müsste Arbeit­gebern daran gelegen sein, ihren Angestellten ein möglichst stressfreies Umfeld zu bieten. Laut einer Unterschung der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes scheint jedoch das Gegenteil der Fall zu sein.

Zeitdruck und hohe Arbeitsintensität sind verbreitet

Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet alle Unternehmen, ihre Arbeitsplätze auf mögliche gesundheitliche Gefahren hin zu untersuchen und entsprechende Risiken zu minimieren. Seit 2013 müssen sie dabei auch psychische Belastungen berücksichtigen. 2016 veröffentlichte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaft­liche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in dem Report "Arbeit und Gesundheit im betrieb­lichen Kontext", was Betriebsräte zu diesem Thema sagen.

Über drei Viertel der 2000 Befragten gaben an, dass die von ihnen vertretene Belegschaft massiv unter Zeitdruck und hoher Arbeitsintensi­tät leidet, woraus sich gesundheitliche Beschwerden ergeben. Aber nur in einem Viertel der Betriebe wurden Arbeitsplätze überhaupt auf psychische Gefährdungen geprüft sowie Gegenmaßnahmen ergriffen. Vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht Nachholbedarf.

Immer mehr Fehltage durch seelische Störungen

Dabei steigt die Zahl von Fehltagen aufgrund psychischer und Verhaltensstörungen seit einem Jahrzehnt kontinuierlich an – beim größten deutschen Versicherer AOK mit über 12 Millionen Mitgliedern um fast 80 Prozent.

Zwar verursachen seelische Leiden dort bisher nur 11 Prozent aller krankheitsbedingten Fehltage und belegen damit Platz vier. Doch in den Branchen Erziehung und Unterricht sowie im Gesundheits- und Sozialwesen waren psychische Erkrankungen sogar die Hauptverursacher von Arbeitsunfähigkeit – noch vor Rü­cken­schmerzen und Erkältungen.

Längere Ausfälle bei psychischen Erkrankungen

Auffällig ist vor allem, dass seelische Probleme die Arbeitnehmer zu längeren Auszeiten zwingen als körperliche Beschwerden. Wie der AOK-Report aufzeigt, waren die Betroffenen mehr als doppelt so lange krankgeschrieben wie mit jeder anderen Erkrankung – und das branchenübergreifend. Auch fast die Hälfte aller Frühverrentungen geht inzwischen auf das Konto psychischer Störungen wie etwa Depressionen.

"Heute kann über diese Krankheiten offener gesprochen werden als früher", sagt Professor Dirk Windemuth. Der Psychologe leitet das Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und hat zu psychischen Belastungen im Beruf geforscht. Ihm zufolge werden seelische Leiden häufiger diagnostiziert, insgesamt seien aber nicht mehr Menschen davon betroffen. "Anders als früher erkennen Ärzte die Beschwerden besser und behandeln nicht nur körperliche Begleiterscheinungen", erklärt Julia Scharnhorst, Leiterin der Sektion Gesundheitspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Meist kommen mehrere Ursachen zusammen

Doch inwieweit ist das Berufsleben für psychische Erkrankungen verantwortlich – und damit ein Betrieb auch in der Pflicht, gegenzusteuern? "Schlechte Arbeitsbedingungen sind nicht die einzige mögliche Ursache", sagt Windemuth. Wichtig sei das individuelle Zusammenspiel von beruflichem und privatem Stress sowie persönlicher Veranlagung.

Die Experten der Hans-Böckler-Stiftung appellieren dennoch an die Verantwortung der Arbeitgeber. Dünnere Personaldecke, steigende Informationsflut, größere Verfügbarkeit – die Ergebnisse von Flexibilisierung und Digitalisierung stellen in vielen Betrieben neue Leistungsanforderungen an die Mitarbeiter. Diese könnten zu stetiger Arbeitsverdichtung und komplexen psychosozialen Belastungen führen, sagt Dr. Elke Ahlers. Im Klartext hieße das: immer schneller, immer mehr,  so die Sozialwissenschaftlerin, die die Befragung der Betriebsräte geleitet hat.   

Experten sehen großen Beratungsbedarf für Unternehmen

Laut Gesetz müssen Arbeitgeber prüfen, inwiefern Arbeits- und betriebliche Rahmenbedingungen die Angestellten belasten könnten. Stehen Mitarbeiter häufig unter Zeitdruck? Müssen sie viele Überstunden leisten? Existiert ein gewisser Handlungsspielraum, den Arbeitstag selbst zu gestalten? Bekommen sie Rückmeldung und Anerkennung von ihren Vorgesetzten? Gibt es klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben? Bei Bedarf müssen die Firmen Maßnahmen ergreifen, um die Situation ihres Personals zu ändern.

"Aus unserer Sicht wird das Thema psychische Gesundheit in vielen Unternehmen akzeptiert, nicht negiert – allerdings bisher in der Minderheit aktiv aufgegriffen", sagt Dr. Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Hier sei noch viel Beratungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Auch Marc Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bunds, betont: "Vielen kleineren und mittelständischen Unternehmen sind etwa die Beratungsangebote und Hilfestellungen der Krankenkassen entweder unbekannt, oder sie erkennen den konkreten betrieblichen Nutzen nicht."

Gewerbeaufsichten bestrafen Betriebe nicht

Für die Experten der Hans-Böckler-Stiftung ist auch die fehlende Sanktionierung ein Problem. Die Kontrolle der Maßnahmen obliegt den Gewerbeaufsichten der Länder. Die kommen dieser Aufgabe aber nicht nach. In der Umfrage nannten Betriebsräte zudem diese Ursachen: fehlendes Know-how, unklare Zuständigkeiten und eine niedrige Priorität des Themas Gesundheit, auch die Scheu vor hohen Kosten. Insgesamt würden Gefährdungsbeurteilungen für aufwendig und schwierig gehalten.

Arbeitgeberverbände betonen natürlich, dass den Unternehmen das Thema sehr wohl am Herzen liege – schon allein aus organisatorischen und finanziellen Gründen. Marc Tenbieg: "Gerade in kleinen und mittelständischen Betrieben kann eine Person, die ausfällt, in der Regel nicht so schnell vertreten werden. Von daher sind insbesondere nicht immer sofort erkennbare psychische Krankheiten ein großes Risiko."