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Delir-Risiko nach der OP senken

Nach einer Operation sind viele Patienten verwirrt. Berliner Ärzte haben eine Strategie entwickelt, um das Risiko deutlich zu senken

von Dr. Stefanie Reinberger, 11.01.2019
Intensivstation

Orientiert oder verwirrt? Patienten im Aufwachraum einer Klinik


Professor Torsten Kratz ist Alterspsychiater im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin. Gemeinsam mit Professor Albert Diefenbacher, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, hat er ein Programm zur Delir-Vermeidung entwickelt. Wir haben ihn dazu befragt:

Herr Professor Kratz, was versteht man unter einem post­operativen Delir?

Es ist ein Verwirrtheitszustand. Nach der Opera­tion weiß der Patient nicht, wo und in welcher Zeit er sich befindet. Manche haben Halluzinationen, sie sehen Dinge, oft weiße Tiere. Die ­Betroffenen sind sehr irritiert und ­­unruhig, manchmal aggressiv. Andere sind so geängstigt, dass sie sich zurückziehen und nicht mehr aus dem Bett wollen. Typischerweise verstärkt sich das Ganze abends und nachts.

Wen trifft es vor allem?

Als Risikogruppe gelten Personen über 70 Jahre – besonders wenn ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist, etwa durch eine Demenz oder infolge eines Schlaganfalls. Auch andere begleitende Erkrankungen spielen ­­eine Rolle. Eine große Gefahr sind Harnwegsinfekte, wie unsere Studie  gezeigt hat. Nach einem sehr schweren Eingriff und massiven Begleiterkrankungen steigt das Risiko für einen post-operativen Delir aber auch für jüngere Patienten.

Prof. Dr. med. Albert Diefenbacher (mit Brille) und Prof. Dr. med. Torsten Kratz

Früher sprach man vom Durchgangssyndrom – der Patient war eben ein bisschen verwirrt. Heute gilt das postoperative Delir als ernst zu nehmende Kompli­kation. Warum?

Wir sehen den Begriff Durchgangssyndrom sehr kritisch. Er impliziert, dass man nur lange genug warten muss, und dann ist das wieder weg. Dem ist nicht so. Eine amerikanische Studie hat gezeigt, dass viele Betroffene zum Pflegefall werden – trotz gelungener Operation. Außerdem verstirbt ein Viertel der Betroffenen im Laufe des nächsten Jahres.

Aber man stirbt doch nicht an Verwirrtheit …

Aber an Begleiterkrankungen. Die sind wegen der Verwirrtheit bei Delir-Patienten oft schwieriger zu behandeln. Zudem kommt es zu einer Störung der Neurotransmitter, der Überträgerstoffe im Gehirn, die notwendig sind, um Körperfunktionen am Laufen zu halten. Ist die Steuerung der Zen­trale gestört, wirkt sich das auf die ­ausführenden Organe aus. Häufig entwickeln betroffene Patienten eine Lungenentzündung oder Herz-Kreislauf- Probleme.

Wie lässt sich das laut Ihren Forschungsergebnissen vermeiden?

In Deutschland hat man das postoperative Delir früher als psychiatrische Erkrankung verstanden und deshalb nur Psychopharmaka eingesetzt. Heute wissen wir, dass beim postoperativen Delir immer auch körperliche Ursachen eine Rolle spielen: Infekte zum Beispiel, Austrocknung, Schlafprobleme oder Schmerzen. Das muss man behandeln. Aber noch wichtiger sind die nicht-medikamentösen Verfahren.

Zum Beispiel?

Fotos von Angehörigen, Kalender und Uhr neben dem Bett platzieren, Brille rasch auf- und Hörgerät einsetzen. Das holt die Patienten nach einer Narkose schneller in die Realität zurück. Außerdem für guten Schlaf sorgen, durch Aromatherapie und einen guten Tag-Nacht-Rhythmus. Pa­tienten sollten schnell aus dem Bett und in Bewegung kommen; Gespräche fordern sie kognitiv. Und man muss auf sie eingehen, sie in ihrer Verwirrung und mit ihren Ängsten ernst nehmen.

Sie sagen, dass man das Risiko für ein Delir stark senken kann. Wie?

Man tut all die Dinge, die zur Behandlung eines postoperativen Delirs notwendig sind, bereits vor der Operation. Unser Delir-­Pfleger prüft gemeinsam mit dem behandelnden Arzt, welche Risikofaktoren der Patient mitbringt. Dann lassen sich im Vorfeld Infektionen oder Flüssigkeitsmangel behandeln, kritische Medikamente reduzieren oder ersetzen und die Anästhesie anpassen. Nach dem Eingriff kommen umgehend all die Strategien zum Einsatz, die ich vorhin erwähnt habe. In einer Studie haben wir gezeigt, dass das Risiko für einen postoperativen Delir so von über 20 auf unter fünf Prozent sinkt.

Diese vorbeugenden Maßnahmen funktionieren alle bei einem geplanten Eingriff, aber doch nicht bei einer Notfall-Operation. Oder?

Dafür gibt es ganz ähnliche Möglichkeiten. Meistens ist es ja auch möglich, vor einer Operation das Blutungs- und ­Infektionsrisiko des Patienten zu bestimmen. Genauso sollte man in meinen Augen möglichst nicht operieren, ohne das Delir-Risiko zu kennen. Dann kann man zum Beispiel Antibiotika ­­geben oder – gemeinsam mit den Narkoseärzten – die Anästhesie anpassen. Anschließend wird der Patient intensiv beobachtet.

Wie kommt die Delir-Prävention auch in andere Kliniken?

Die Aufmerksamkeit für das Problem ist – auch durch unsere Studie – in den letzten Jahren größer geworden. Die Anästhesie in der Charité hier in Berlin bietet zum Beispiel eine Delir-Sprechstunde an. Und eine ganze Reihe von Krankenhäusern hat damit begonnen, Delir-Prävention einzuführen. Außerdem führen wir seit mehreren Jahren in Zusammenarbeit mit der Krankenkasse AOK-Nord und dem Diakonieverein Zehlendorf ein Ausbildungsprogramm zum Delir-Pfleger durch. Die Nachfrage aus anderen Kliniken ist riesengroß.

Und wenn es in meiner Nähe keine Klinik mit einem solchen Delir-Management gibt?

Die behandelnden Ärzte ansprechen! Das Delir-Risiko zu überprüfen ist wichtig. Ich würde mir wünschen, dass dieses Interview dazu beiträgt, dass ­­Patienten und Angehörige das aktiv einfordern.

Maßnahmen, um das Delir-Risiko zu senken

  • Patienten über 70 Jahre werden vor einer Operation untersucht: Liegen geistige Einschränkungen, Erkrankungen wie Harnwegsinfekte oder ein Flüssigkeitsmangel vor? Nehmen sie Arzneimittel, die das Risiko erhöhen?
  • Medikamente, die das Risiko ­erhöhen, sollte man möglichst reduzieren oder ersetzen. Auf der anderen Seite werden etwa Infekte medikamentös behandelt.
  • Nach der Operation bringen Kalender, Uhren, Fotos oder anwe­sende Angehörige den Patienten schneller ins Hier und Jetzt zurück. Brille oder Hörgerät sofort wieder einsetzen, das verbessert die ­Orientierung. In manchen Kliniken kümmern sich Delir-Pfleger um ­diese Dinge.
  • Patienten sollten sich nach einem Eingriff so bald wie möglich bewegen und geistige Anregung erhalten.
  • Ausreichend Nahrung und ­Flüssigkeit sind ebenfalls wichtig.
  • Patienten und Angehörige sollten das Thema im Krankenhaus ansprechen. Bisher verfügen nicht alle Kliniken in Deutschland über ein Delir-Management.

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