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Hörforschung: für bessere Hörgeräte

Ein Mix aus Stimmen und Geräuschen - das stellt für Schwerhörige auch mit technischer Hilfe ein Problem dar. Forscher wollen das ändern. Unterstützung bietet vor allem das Handy

von Silke Droll, 07.02.2019
Prof. Seeber (stehend) und Mitarbeiter Norbert Kolotzek

Raum ohne Hall: Hier forscht der Psychoakustiker Professor Bernhard Seeber (links) daran, wie Hörgeräte noch besser werden


So, jetzt setze ich Sie noch schnell in den Englischen Garten", sagt Psychoakustiker Bernhard Seeber und schließt die Tür hinter sich. Der große Münchner Park liegt etwa zwei Kilometer entfernt. Doch bei geschlossenen Augen entsteht sofort das Gefühl, dort zu sein, mittendrin. Stimmen­gewirr ist zu hören, Kinder schreien, ein Lachen, zwitschernde Vögel, ein Rad fährt vorbei, der Eisbach rauscht leise, eine Hummel brummt heran.

Raum ohne Laut

Im sogenannten reflexionsarmen Raum der Technischen Universität München (siehe Bild) lassen sich Klangwelten realitätsgetreu nachbilden. Damit für die Hörforschung der akustische Eindruck perfekt ist, braucht es ­eine besondere Architektur.

Der Raum ist etwa 60 Quadratmeter groß und vier Meter hoch. Wände und Decke sind mit einer speziellen drei­dimensionalen Struktur gestaltet. Unzählige beigefarbene Keile aus mine­ralischem Dämmstoff schlucken jedes Geräusch und jeden Hall. 60 Lautsprecher sind im Raum so verteilt, dass Seeber und seine Mitarbeiter aus Ton­aufnahmen ganze Hörwelten lebendig werden lassen können. Etwa den Englischen Garten. "Damit erforschen wir zum Beispiel, wie wir beim Hören Schallquellen voneinander unterscheiden und wie diese Signalverarbeitung auch mit Hörgeräten noch besser funktionieren könnte", erklärt Seeber. Genau das stellt für Schwerhörige oft ein großes Problem dar.

Akustiker

Der Cocktailparty-Effekt

Das menschliche Gehör besitzt eine Fähigkeit, die den meisten Menschen gar nicht bewusst ist. Auch in Situationen mit vielen Geräuschen und Stimmen gleichzeitig kann man sich auf einen Sprecher konzentrieren und ihm lauschen. Die anderen Geräusche werden ausgeblendet. Dieser Automatismus  des selektiven Hörens heißt auch Cocktailparty-Effekt und fordert von Gehör und Gehirn Höchstleistung. Es ist oft der erste Bereich, in dem sich Defizite zeigen – "auch ohne dass man schon ­eine starke Veränderung der Hörschwelle hat", sagt Seeber.

Was Hörgeräte können

Später, wenn Betroffene bereits ein Hörgerät tragen, bleibt es schwierig. Denn nur unser Gehirn weiß, was wir hören und verstehen wollen. Familienfeiern werden zu einer Belastungsprobe, ebenso wie ein Essen im Restaurant oder eben die Cocktailparty.
Nach und nach leisten die Hörgeräte hier immer mehr. "Die Entwicklung ist enorm schnell", berichtet Martin Blecker, bis vor Kurzem Präsident der Europäischen Union der Hörakustiker. Die aktuellen Geräte im Vergleich zu denen vor zehn Jahren, das sei wie ein Smartphone im Vergleich zu einem Wählscheibentelefon. "Hörgeräte sind nur etwa drei Jahre auf dem Markt", so Blecker. "Und in etwa fünf bis sechs Jahren kommen die neuesten Entwicklungen auch in die Kassengeräte."

Viele moderne Hörgeräte identifizieren und unterdrücken Störschall sehr effektiv. Sie unterscheiden Stimmen von anderen Geräuschen, erkennen die aktuelle Hörsituation und reagieren automatisch darauf, zum Beispiel indem sie ihre Mikrofone anders ausrichten. Etwa nach rechts, wenn sich ein Autofahrer mit seinem Beifahrer unterhalten will. Früher filterten die Geräte dabei oft so viele Nebengeräusche weg, dass der Nutzer eine künstlich klingende Hörwelt im Ohr hatte. Jetzt klappt dieser Spagat häufig viel besser.

Hörtest

Das richtige Hörgerät

Der erste Schritt zum optimalen Hörgerät sind individuelle Ohrpassstücke. Dafür nimmt der Akustiker Abformungen des Gehörgangs. Vorgefertigte Schirmchen sind Fachleuten zufolge keine gute Idee. "Die schließen niemals richtig ab, sodass immer eine Mischung aus verstärktem und direktem Schall im Ohr ist", sagt Experte Martin Blecker.

Damit der Akustiker passende Testgeräte aussuchen kann, sollten Betroffene beschreiben, welche Hörsituationen für sie besonders schwierig sind. "Um die verschiedenen Geräte vergleichen zu können, kann man für die Situationen Schulnoten vergeben", empfiehlt Karsten Plotz, Professor für HNO-Heilkunde aus Oldenburg.

Ist die Wahl getroffen, ist Geduld gefragt. "Die Gewöhnung an das erste Hörgerät dauert mindestens drei Monate", erläutert Facharzt Plotz. Die Technik könne viel, aber das Gehirn müsse mitkommen.

Auch die früher harten Schnitte, wenn ein Hörgerät das Programm wechselte, erfolgen inzwischen so sanft, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden. "Diese Funktionen sind bei aufwendigeren Geräten natürlich oft noch besser", sagt Hörakustik-Experte Blecker.
Nutzer von einfacheren Modellen können aber bei stressigen Hintergrundgeräuschen ein kleines, externes Mikrofon verwenden, das sie mit ihrem Hörgerät verbinden. Aktuelle Modelle lassen sich außerdem zum Teil von ihren Trägern selbst auf die jeweilige Hörumgebung feinjustieren.

Man hört nur, was man hören will

Eine App auf dem Smartphone bietet jeweils zwei Klangprofile an, zwischen denen sich der Nutzer entscheidet. Schritt für Schritt wird er zu der für ihn individuell am besten passenden Übertragung geführt. Das Hörsystem merkt sich die Einstellungen – und funktioniert so zunehmend besser. Teils setzen Geräte  Bewegungssensoren oder das Ortungssystem GPS ein, um bestimmte Situa­tionen schnell und automatisch erkennen zu können, etwa eine Zugfahrt oder das Stammtisch-Treffen.

Aber auch das modernste Hörgerät stimmt der Akustiker zunächst in seinen Grundeinstellungen individuell auf den Träger ab (siehe Kasten). "Technik und Mensch müssen zueinanderpassen, und die neuen Höreindrücke müssen akzeptiert werden", betont Experte Blecker.

Selbst wenn das Gerät es schafft, im Stimmengewirr den richtigen Sprecher zu verstärken, blieb bislang oft ein anderes Problem: Das Ergebnis klang nicht natürlich, sondern mehr oder weniger blechern. "Die Mikrofone, die oben in den Hörgeräten sind, führen zu einer anderen Wahrnehmung, als wenn die Schallquelle normal im Gehörgang ankommt. Das verändert die Komposition des Schalls sehr stark", erklärt Seeber.

Wenn die eigene Stimme fremd wird

Der Wissenschaftler entwickelte einen Algorithmus für Hörgeräte, der eine bestimmte Schallquelle nicht nur verstärkt und andere Geräusche ausblendet, sondern auch den natürlichen Raumklang weitestgehend erhält. Selbst die eigene Stimme hört sich über ein Mikrofon fremd an. Viele reagieren auch deswegen mit Abwehr auf Hörgeräte. Akustiker sprechen von der wichtigen, aber schwierigen Spontanakzeptanz. Blecker: "Es gibt nur eine Chance für den ersten Eindruck. Wird der Klang des Geräts gemocht, wird es auch benutzt."

Bedienung via Smartphone

Viele Verbesserungen bei Hörgeräten basieren auf der unsichtbaren Bluetooth-Verbindung zum Smartphone. Damit wird das Handy zur Fernbedienung. Nutzer können etwa die Lautstärke verändern, zwischen Programmen umschalten oder Klangprofile mit bestimmten Orten verbinden, ohne die kleinen Apparate aus dem Ohr nehmen und an ihnen herumfummeln zu müssen.

So bekommen Sie ein Hörgerät

Wenn ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt einen Hörverlust feststellt, der korrigiert werden sollte, stellt er eine Verordnung für Hörgeräte aus – idealerweise für beide Ohren. Mit dem Rezept geht der Betroffene zu einem Hörakustiker. Nach weiteren Hörtests empfiehlt dieser mehrere Modelle zum Ausprobieren. Darunter sollte immer mindestens ein Gerät sein, für das die Krankenkasse komplett aufkommt.

Der Versicherte muss dann zehn Euro pro Hörgerät dazuzahlen. Die Krankenkassen unterscheiden sich leicht in der Höhe ihrer Erstattung. Im Schnitt zahlen sie rund 650 Euro pro Hörgerät bei einer Versorgung beider Ohren, außerdem etwa 35 Euro pro Ohrpassstück und etwa 250 Euro Reparaturpauschale. Nach sechs Jahren haben Schwerhörige wieder einen Anspruch auf neue Hörgeräte.

Das Handy funktioniert dann auch als zusätzliches Mikrofon. Bei einem Spaziergang in lauter Umgebung kann man das Telefon seinem Gesprächspartner in die Hand drücken. Spricht er dort hinein, hat man seine Stimme quasi direkt im Ohr.

Hörgerät mit Gesten steuern

Viele Hörgerätträger schätzen es zudem, mithilfe des Smartphones Musik oder Anrufe direkt im Ohr zu hören. Pluspunkt gegenüber Kopfhörern: Die Außenwelt wird trotzdem noch wahrgenommen. "In einer lauten Bahnhofshalle zum Beispiel ist diese direkte Übertragung ein Riesenvorteil – sogar gegenüber Normalhörenden", sagt Akustik-Experte Blecker. Der Ton von Fernseher oder Telefon lässt sich schon länger direkt in die Hörgeräte übertragen – auch ohne Smartphone.

Einige Hersteller setzen bei ihren neuesten Modellen auf Zusatzfunk­tionen, die über das Hören hinaus­gehen. Beispielsweise gibt es nun ein Gerät, das mit einer guten Internetverbindung mehr als 20 Sprachen in Echtzeit übersetzen kann, mit Sensoren Stürze erkennt und in der Folge einen Notruf absetzt. Blecker: "Die Sensoren werden bald so gut sein, dass man das Gerät auch mit Gestik steuern kann und einen Anruf zum Beispiel mit Kopfnicken annimmt."

Batterie, Akku, Brennstoffzelle

Da viele Neuentwicklungen mit dem Handy zusammenhängen, feilen Hersteller derzeit vor allem an einer besseren Kopplung mit unterschiedlichen Smartphones. Denn aktuell sind die meisten Hörgeräte nur mit einem bestimmten Betriebssystem kompa­tibel, funktionieren also nicht im ­Zusammenspiel mit jedem Handy. Andere Modelle erfordern für die Nutzung mit Smartphone ein kleines Extragerät zum Umhängen.

Zudem verbrauchen die modernen Zusatzfähigkeiten viel Energie. Um Hörgerätträgern häufige Batteriewechsel zu ersparen, werden zunehmend Akkus statt Batteriefächer eingebaut.  Firmen arbeiten an Modellen, die sich besonders schnell aufladen. Das Ende der Entwicklung ist das aber nicht. Blecker: "In Zukunft werden für Hörgeräte kleine Brennstoffzellen zu haben sein, die in wenigen Sekunden aufgeladen werden können."