Neue Mittel gegen Migräne

Für Kopfschmerzgeplagte gibt es Hoffnung: Ein neues Medikament steht kurz vor der Zulassung. Es soll ganz speziell bei der Vorbeugung der Migräne helfen. Doch welche Patienten profitieren von der Therapie?

von Dr. Achim G. Schneider, 18.09.2018
Frau mit Kopfschmerzen

Bohrender Kopfschmerz raubt Migräne-Patienten einiges an Lebensqualität. Das Medikament Erenumab soll Attacken vorbeugen


Tage, an dem der Kopf Ruhe gibt, sind für Menschen mit Migräne ein Segen: kein Bohren, kein Hämmern und kein Pochen im Schädel. Keine Übelkeit, kein Erbrechen und auch kein Missempfinden von Licht und Lärm. Menschen mit chronischer Migräne leiden besonders stark. Sie verbringen mindestens die Hälfte des Monats mit Kopfschmerz. Gut verträgliche, vorbeugende Medikamente sind für diese Patienten besonders wichtig. Seit Langem schon suchen Forscher und Pharmafirmen nach solchen Mitteln.

Im Mai hat die Europä­ische Arzneimittelbehörde ein neues Präparat zur Zulassung empfohlen. Es heißt Erenumab und kann Menschen mit monatlich mindestens vier Migränetagen verordnet werden. Die Patienten spritzen es sich ein­mal im Monat unter die Haut. Erenumab blockiert das Signal des Nervenbotenstoffs CGRP, eines wichtigen Verursachers von Migräne. Drei weitere Substanzen, die CGRP direkt hemmen, könnten bald hinzukommen. Die folgende Grafik erklärt ihr Wirkprinzip.

CGRP-Antikörper beugen der Migräne spezifisch vor

Professor Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel, sieht in der anstehenden Zulassung einen großen Schritt vorwärts, "denn erstmals gibt es Medikamente, die Migräne spezifisch vorbeugen". Die bislang dafür ärztlich verordneten Mittel tun dies quasi nur nebenbei. Zum Beispiel das Anti­epileptikum Topiramat oder das Anti­depressivum Amitriptylin. Beide wirken auf das zentrale Nervensystem und können etwa Stimmungsveränderungen, Gedächtnis­einbußen und Müdigkeit verursachen. "All diese Nebenwirkungen beobachtet man bei den CGRP-Antikörpern nicht", sagt Göbel.

Ähnlich urteilt Professor Martin Marziniak, Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz­gesellschaft, und ergänzt: "Weniger Kopfschmerztage bedeutet, die Kräfte zu mobilisieren und wieder am Leben teilzunehmen." Allerdings haben CGRP-Antikörper darauf nur einen insgesamt bescheidenen Effekt. Alles in allem halbiert sich die Anzahl der Kopfschmerztage nur bei 30 bis 50 Prozent der Behandelten. Manche Patienten profitieren gar nicht von der Therapie. Doch einige werden durch sie nahezu oder sogar gänzlich migränefrei. So das Fazit aller bislang vorliegenden Studien mit den vier untersuchten Hemmstoffen. Damit wirken sie nicht besser als die verfügbaren Medikamente zur Vorbeugung von Migräne.

Wem die neue Therapie etwas bringt und wem nicht

Menschen mit nicht allzu starkem Leidensdruck wird ohnehin empfohlen, nur bei Attacken ein Medikament zu schlucken: und zwar ein Schmerzmittel oder ein spezifisches Migränemittel aus der Klasse der Triptane. Allerdings dürfen diese Arzneien maximal an zehn Tagen pro Monat eingesetzt werden. Grund: Durch einen zu häufigen Gebrauch verkehrt sich ihre Wirkung ins Gegenteil. Sie verursachen dann Kopfschmerzen, anstatt sie zu bändigen. Deshalb empfehlen die ärztlichen Leitlinien bei schwerer und vor allem chronischer Migräne Medikamente zur Vorbeugung.

Welchen Stellenwert CGRP-Antikörper einnehmen werden, ist noch nicht geklärt. Für sie spricht, dass sie schnell wirken und außer Schmerzen an der Einstichstelle und grippeähnlichen Symptomen bei einem Teil der Behandelten kaum Nebenwirkungen verursachen. Doch viele Fragen bleiben offen: etwa ob sich aus der Dauertherapie erhöhte Risiken für Herz- und Hirninfarkte ergeben und ob die Behandlung für Menschen mit Gefäßerkrankungen unbedenklich ist. 

Ob sie wirklich weniger unerwünschte Effekte haben als bisherige Medikamente, wird man erst wissen, wenn CGRP-­Antikörper über längere Zeit von vielen Patienten verwendet werden. Es lässt sich auch nicht vorher­sagen, wem die neuen Mittel etwas bringen. Marziniak: "Es wird unsere Aufgabe sein, die Patienten herauszufiltern, die davon am meisten profi­tieren." Die neuen Therapien kommen also nur für wenige Betroffene infrage – auch wegen der hohen Kosten von wohl einigen Tausend Euro jährlich pro Behandeltem.

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