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Gut versorgt nach einem Arbeitsunfall

Mehr als zwei Millionen Unfälle passieren in Deutschland jedes Jahr am Arbeitsplatz oder auf dem Weg dorthin. Was Betroffene beachten müssen, um die Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung in Anspruch zu nehmen

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 26.07.2016
Arbeitsunfall

Arbeitsunfall: Wer zum Beispiel stürzt, sollte zu einem Durchgangsarzt gehen


Verstaucht sich jemand in der Freizeit das Handgelenk, geht er einfach zum Hausarzt oder – wenn es schlimmer schmerzt – ins nächstgelegene Krankenhaus und lässt sich dort behandeln. Passiert das Malheur jedoch im Job, liegt der Fall anders. "Bei Arbeitsunfällen gilt eigentlich der Grundsatz, dass die Betroffenen von einem sogenannten Durchgangs- oder D-Arzt versorgt werden müssen", sagt Stefan Boltz von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Sein "eigentlich" deutet an, dass es auch Ausnahmen geben kann.

Bei Bagatellverletzungen wie einem kleinen Schnitt in den Finger, die voraussichtlich nach längstens einer Woche ausgestanden sind, dürfen sich die Patienten zunächst an jeden Arzt ihrer Wahl wenden. Stellt dieser dann fest, dass der Unfall doch schwerer war und mit einer Arbeitsunfähigkeit zu rechnen ist, wird er den Patient an einen D-Arzt überweisen. "Dazu sind Ärzte vertraglich verpflichtet", erläutert Boltz. "Deshalb fragt der Hausarzt den Betroffenen in der Regel, ob sich der Unfall bei der Arbeit oder auf dem Weg dahin ereignet hat."

Stefan Boltz

Voraussetzung für Lohnfortzahlung: Der Gang zum "D-Arzt"

Durchgangsärzte sind Ärzte, die von der gesetzlichen Unfallversicherung eine spezielle Zulassung zur Behandlung der Versicherten erhalten haben. Dafür gelten strenge Anforderungen. Infrage kommen ausschließlich Fachärzte für Chirurgie mit Schwerpunkt Unfallchirurgie sowie Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Spezielle Unfallchirurgie.

Eine weitere Voraussetzung ist die durchgängige Bereitschaft von 8:00 bis 18:00 Uhr an allen Wochentagen. Zudem muss die Praxis über eine besondere Ausstattung verfügen, wie einen Raum für Operationen und ein Röntgengerät. "Die Zulassungskriterien gewährleisten, dass der D-Arzt auch bei schwereren Verletzungen die nötigen Behandlungsmaßnahmen ergreifen kann", sagt Stefan Boltz.

Die DGUV ist der Spitzenverband aller Träger der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland. Dazu gehören die neun gewerblichen Berufsgenossenschaften, die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften und die öffentlichen Unfallkassen. Jeder Arbeitnehmer ist in einem der Träger pflichtversichert. Gleiches gilt für Schüler, Studenten, Auszubildende und seit 2005 auch für ehrenamtlich tätige Personen. Die Kosten trägt der Arbeitgeber beziehungsweise die Institution, für die das Ehrenamt ausgeübt wird. Unternehmer, Selbstständige und Freiberufler haben die Möglichkeit, sich freiwillig zu versichern.

Einer Meldung bei der Berufsgenossenschaft ist Voraussetzung für eine Lohnfortzahlung - und zwar nach drei Tagen Ausfall, gemeldet vom Arbeitgeber wie auch vom Arzt. Wie bei anderen Krankheiten auch, haben Arbeitgeber Anspruch auf Lohnfortzahlung seitens Ihres Arbeitgebers. Dieser zahlt sechs Wochen lang den vollen Lohn.

Hilfe bei der Suche nach einem Durchgangsarzt auf der Website der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung:

Kein Versicherungsschutz beim Mittagessen

Abgedeckt sind Unfälle, die bei der Arbeit geschehen – unter der Voraussetzung, dass sie mit der beruflichen Tätigkeit in Zusammenhang stehen und nicht dem "allgemeinen Lebensrisiko" zuzurechnen sind. Was diese juristische Formulierung bedeutet, erklärt Stefan Boltz am Beispiel Mittagessen. "Der Gang zur Kantine ist versichert, aber nicht das Essen selbst, denn essen müssen wir alle, um am Leben zu bleiben – unabhängig davon ob wir arbeiten oder nicht." Auf Dienst- und Geschäftsreisen, beim genehmigten Arbeiten im Home-Office und bei Gemeinschaftsveranstaltungen wie Betriebsfeiern, -ausflügen und beim Betriebssport besteht aber Versicherungsschutz.

Ebenfalls versichert sind Unfälle, die sich auf dem direkten Weg von zu Hause zur Arbeit und zurück sowie auf Dienstfahrten ereignen. Unter bestimmten Umständen sind dabei Umwege erlaubt, etwa um eigene Kinder für die Dauer der Arbeitszeit unterzubringen, bei Fahrgemeinschaften und Umleitungen oder wenn der Arbeitsplatz über eine längere Route schneller erreicht werden kann. "Verlässt man den direkten Arbeitsweg aber aus anderweitigen Gründen, etwa um kurz einkaufen zu gehen, ist man nicht mehr gesetzlich unfallversichert", stellt Stefan Boltz klar. Kehrt man dann auf den direkten Weg zurück, tritt der Versicherungsschutz wieder in Kraft.

Rehabilitieren mit allen erforderlichen Mitteln

Ob die normale Krankenversicherung oder die gesetzliche Unfallversicherung für einen Patienten zuständig ist, kann mitunter einen erheblichen Unterschied machen. "Laut Gesetz haben wir den Auftrag, die Gesundheit und die Erwerbsfähigkeit des Betroffenen 'mit allen geeigneten Mitteln' wiederherzustellen", sagt Boltz. Anders als bei den Krankenkassen gibt es für diese Mittel keine Budgetgrenzen. Vom Verletztengeld, über umfassende Rehabilitationsmaßnahmen, Heil- und Hilfsmittel bis hin zu einer Haushaltshilfe ist in den Leistungen alles beinhaltet, was der Verletzte brauchen könnte.

Die Unfallversicherungsträger betreiben eigene Unfallkliniken, die speziell auf die Versorgung der Opfer von Arbeitsunfällen ausgerichtet sind. "Ziel ist, den Patienten in einen Zustand zu versetzen, als wäre der Unfall nie geschehen", sagt Boltz.

Dazu muss der Betroffene selbst kaum etwas tun. Der D-Arzt füllt den Unfallbericht aus, schickt ihn an den zuständigen Träger und leitet alle notwendigen Maßnahmen in die Wege. Bei schweren Verletzungen stellt ihm die Unfallversicherung einen sogenannten Case-Manager an die Seite, der mit allen Beteiligten einen Plan für die gesundheitliche, berufliche und private Rehabilitation erarbeitet. "Bei der GUV gilt das Prinzip: Alles aus einer Hand", so Stefan Boltz.

"Vom Zeitpunkt des Unfalls bis zur hoffentlich erfolgreichen Rückkehr ins Arbeitsleben wird der Versicherte von uns betreut." Um im Falle des Falles ohne Umwege in den Genuss dieses – wie er es nennt – Rundum-sorglos-Pakets zu kommen, empfiehlt Boltz allen Arbeitnehmern, nachzusehen, wo es in der Nähe einen Durchgangsarzt gibt. "Natürlich wünschen wir uns, dass die Versicherten keine Unfälle haben", sagt er. "Sollte es aber doch passieren, weiß man dann gleich, an wen man sich wenden muss."