Krebs: Gut durch die Chemotherapie

Der Kampf gegen die Krankheit ist hart. Vor allem eine Chemotherapie macht Patienten Angst. Doch viele Nebenwirkungen lassen sich inzwischen lindern

von Sonja Gibis, 12.03.2018

Schön trotz Krebs: Bunte Tücher kaschieren den Haarausfall


Bald nach der Krebsdiagnose wartet auf viele Patienten der nächste Schock: Sie erfahren, dass eine Chemotherapie nötig ist. Manche haben davor fast so viel Angst wie vor der Erkrankung selbst. Doch kommt es oft nicht so schlimm, wie sie befürchten. "Die Nebenwirkungen lassen sich heute meist gut in den Griff bekommen", sagt Professorin Karin Jordan, Onkologin am Universitätsklinikum Heidelberg.

Welche unerwünschten Folgen auftreten, ist sehr unterschiedlich und hängt unter anderem vom verabreichten Mittel und der Dosis ab. Körperlich belastend ist allerdings jede Chemotherapie. Die Medikamente wirken nicht gezielt auf die Krebszellen. Zwar werden diese ­­besonders stark geschädigt. Aber auch Gewebe, die schnell wachsen, leiden – etwa die Haare. In der Regel erholen sie sich nach Therapieende rasch. Was man tun kann, um gut durch die Chemo zu kommen.

Schick trotz Haarausfall

"Bekomme ich jetzt eine Glatze?" Viele Patienten haben beim Stichwort Chemo sofort diese Frage im Kopf. "Die Haare fallen aber nicht bei jeder Therapie aus", erklärt Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Krebsforschungszentrums. Wenn doch, wachsen sie in der Regel etwa sechs Wochen nach Behandlungsende wieder nach.

Trotzdem ist der Gedanke, mit kahlem Kopf herumlaufen zu müssen, vor allem für Frauen hart. Zumal man ihnen die Krankheit dann ansieht. Wer das nicht möchte, sollte sich frühzeitig um eine Perücke kümmern. Frauen wird dafür ein Fixbetrag von knapp 400 Euro erstattet, bei Männern übernehmen nur manche Krankenkassen die Kosten. Eine Alternative für beide Geschlechter sind Kopfbedeckungen wie Mützen, Kappen oder Tücher.

Wer die Haare unbedingt behalten ­möchte, kann sich nach einer Kühlkappen-­Behandlung erkundigen. Sie bewirkt, dass die Kopfhaut während der Infusion sowie eine Weile danach weniger durchblutet wird. Das Medikament gelangt so in ­geringerer Dosis an die  Haarwurzeln. "Das Haar wird aber trotzdem lichter", sagt Jordan. Die Kälte kann zudem zu Kopfschmerzen führen. Die Kosten von etwa 100 Euro pro Anwendung müssen die Patienten selbst tragen. "Vorsichtig sein sollte man bei Tumorarten, die zu Absiedelungen in der Haut neigen", warnt Weg-Remers. Die Kühlung könnte den Schutz vor Metastasen herabsetzen. Vorab beim Onkologen beraten lassen.

Mittel gegen Übelkeit

Vor Übelkeit und Erbrechen, früher eine häufige Nebenwirkung der Chemotherapie, müssen die Patienten heute keine Angst mehr haben. "Medikamente, die das verhindern, gehören zur Therapie dazu", sagt Kerstin Bornemann, Apothekerin für Onkologische Pharmazie in Göttingen.

Eingesetzt werden diese vorbeugend. Denn verbindet der Patient die Therapie erst einmal mit Erbrechen, reicht oft schon der Anblick der Infusion – und ihm wird speiübel. Wem trotzdem nach der Chemo flau im Magen ist, der kann zusätzlich ­Medikamente einnehmen. "Die verschiedenen Wirkstoffe lassen sich alle gut miteinander kombinieren", sagt Bornemann. 

Den Körper entgiften

Viele Patienten haben das Bedürfnis, die Gifte der Chemotherapie schnell wieder loszuwerden. Ein überaus wirksames Mit viel trinken! Mindestens zwei bis drei Liter am Tag der Chemotherapie und am Tag danach, rät Apothekerin Bornemann.

Das hilft den Nieren, die abgebauten Medikamente auszuscheiden, schützt die Schleimhäute und beugt Verstopfung vor. Was leicht klingt, kann durchaus schwierig sein. "Viele haben kein Durstgefühl", sagt Bornemann. Ein Tipp: sich jede Stunde ein frisches Glas Wasser hinstellen, das am Ende leer sein muss.

Ansonsten sollte man beim Entgiften auf den Körper ver­trauen. "Die meisten Mittel sind nach wenigen Stunden oder höchstens Tagen abgebaut", beruhigt Weg-Remers. Von entgiftenden oder ausleitenden ­Verfahren wie speziellen Diäten raten Experten generell ab. Wer naturheilkundliche Präparate einnimmt, sollte dies unbedingt dem Onkologen mitteilen.

Tipps gegen Müdigkeit

Sich öfter mal müde und schlapp zu fühlen bleibt kaum ­einem Krebspatienten erspart. Das beste Medikament dagegen ist: in Bewegung bleiben – "auch wenn es den Patienten ver­­ständ­licherweise schwerfällt", sagt ­Jordan. Doch schon ein Spaziergang im Wald oder nur ein Gang durch den Garten stärkt Körper und Seele.

Studien zeigen: Patienten, die es schaffen, sich trotz ihrer Krankheit zu bewegen, fühlen sich ­während der Therapie frischer. "Das schafft keine Tablette und kein Vitamin", sagt Bornemann. Zudem senkt Sport das Risiko, in eine chronische Erschöpfung zu rutschen. Sogar die Gefahr eines Rückfalls wird dadurch kleiner.

Training für die Nerven

Eine weitere Folge der Chemotherapie können Schäden an den Nerven der Hände und Füße sein. Die Betroffenen fühlen ein Kribbeln oder eine Taubheit und tun sich teils schwer, feine Bewegungen auszuführen.

Experten raten zu regelmäßigen Bewegungsübungen: Mit den Fingern einen Igelball kneten oder die Füße über Rollen gleiten lassen hilft, die Sensibilität zu erhalten. Sind Nervenschäden wahrscheinlich, werden Kältehandschuhe und -socken getestet, die ählich wirken wie die Kühlkappe. Nach Jordans Einschätzung ist die Methode durchaus hilfreich. "Doch wird sie von manchen Patienten auch als unangenehm empfunden."

Blutwerte im Blick haben

Die Chemotherapie beeinträchtigt die Blutbildung im Knochen­mark. Die Anzahl der weißen Blutkörperchen sinkt, das Immunsystem verliert dadurch an Schlagkraft. Während der Therapie wird das Blutbild daher regelmäßig kontrolliert. "Patienten denken oft, sie hätten etwas falsch gemacht, wenn die Blutwerte mal schlecht sind", ist Bornemanns Erfahrung. Doch leider können sie das kaum beeinflussen. Von Vitaminen oder anderen Mitteln, die versprechen, das Immunsystem zu stärken, raten Krebsexperten ab. 

Bei Bedarf können Wachstumsfaktoren die Freisetzung von weißen Blutkörperchen aus dem Knochenmark fördern – oder es wird eine Therapiepause eingelegt. Bei einem Mangel an ­roten Blutkörperchen kann man Konzentrate aus Blutzellen verabreichen. Generell sollte man während der Therapie Menschenmengen meiden und sich etwa nach einer U-Bahn-Fahrt gründlich die Hände waschen. "Und die er­kälteten Freunde sollten ihren Besuch besser verschieben", rät Apothekerin Bornemann.

Schleimhäute schützen

Die Chemotherapie kann Entzündungen im Mund- und Rachenraum nach sich ziehen. Die wichtigste Maßnahme: "Spülen, spülen, spülen", rät Jordan. In der Apotheke gibt es alkoholfreie Lösungen, die mindestens sechs Mal täglich vorbeugend ­­angewandt werden sollten. "Doch auch einfach mit Wasser zu spülen hilft schon", so die Expertin.

Treten bereits Entzündungen auf, sollte man die Mundpflege verstärken, um sie möglichst schnell abheilen zu lassen. Gegen Schmerzen helfen Spülungen und Gele mit lokal wirkenden Schmerzmitteln. Ist der Mund ständig trocken, helfen Lösungen zum Befeuchten oder sogenannter künst­licher Speichel. Ein weiterer Tipp: ­Patienten profitieren bei manchen Chemo-Medikamenten davon, wenn sie Eiswürfel während der Infusion lutschen. Die Kälte verengt die Gefäße in der Schleimhaut und schützt so vor dem Einfluss der Medikamente.

Hilfe für die Psyche

Um die belastende Zeit gut zu überstehen, braucht auch die Seele Unterstützung. "Krebspatienten sind nicht psychisch kränker als andere, aber sie haben Enormes zu bewältigen", sagt Bornemann. In Krebszentren kann man sich während der Therapie jederzeit an Psycho­onkologen wenden. Die Patienten erwartet keine Psychoanalyse. Im Fokus steht die Bewältigung der Erkrankung.

Viele profitieren davon, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Bei der Deutschen Krebsgesellschaft findet man regionale Selbsthilfegruppen. Bornemann rät zudem, an­gebotene Unterstützung auch anzunehmen und sich bei ­Beschwerden Hilfe zu holen.