Herzinfarkt: Was bei Frauen anders ist

Bei Frauen wird ein Herzinfarkt häufig übersehen. Welche Warnzeichen sie ernst nehmen sollten, weshalb Frauen eine andere Reha brauchen als Männer

von Christine Wolfrum, aktualisiert am 22.03.2018

Auch Frauen müssen auf ihr Herz achten


Als Tom B. den Rettungswagen für seine Frau Josefine rufen wollte, wehrte sie ab und sagte: "Nein, so schlimm ist das nicht." Dabei spürte die 56-jährige Friseurmeisterin aus Moos­thenning (Niederbayern) schon seit mehreren Wochen ein Brennen am Brustbein, das sich verstärkte, sobald sie morgens joggte. Den unangenehmen Schmerz schob sie auf ihre große Oberweite. "Fürs Laufen presste ich meinen Busen in einen knappen BH, damit er nicht so wippt und wehtut."

Jetzt aber brannte es wie Feuer. "Der Schmerz war so stark, dass ich mich kaum mehr zu atmen traute." Trotzdem ­wusch sie sich erst noch die Haare, bevor ihr Mann sie nachts ins nächste Krankenhaus fuhr.

Symptome eines Herzinfarkts werden oft nicht erkannt

"Brustschmerzen projizieren Frauen meist auf ihren Busen, nicht aber auf ihr Herz. Sie denken dabei nicht an einen Infarkt", so Professorin Ruth Strasser von der Technischen Universität in Dresden. Die ärztliche Direktorin des Herzzentrums weiß, dass Frauen oft nicht den Notarzt rufen und sogar zu spät in eine Praxis gehen, weil sie die Anzeichen wie Übelkeit, Atemnot und Erbrechen falsch einschätzen und länger zögern, bevor sie Hilfe suchen. "Erschwerend kommt hinzu, dass der Arzt die Symptome oft nicht gleich als Notfall registriert."

Frauen haben also immer noch die schlechteren Karten, bis sie endlich in der Notaufnahme eines Krankenhauses landen. Jährlich werden in Deutschland etwa 222.600 Frauen und rund doppelt so viele Männer wegen einer "ischämischen Herzkrankheit" stationär behandelt. Und immer noch sterben relativ gesehen mehr Frauen als Männer an dieser Erkrankung – 43 Prozent gegenüber 37 Prozent. Frauen wissen nicht, dass bei den über 60-Jährigen mehr von ihnen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung sterben als an Brustkrebs.

Josefine B. hatte Glück mit ihrem Hinterwandinfarkt. Bei einer Herzkatheter-Untersuchung setzten ihr die Ärzte zwei Stents ein. Die kleinen Metallgitter sollen die verengten Gefäße offen halten. "Ich habe zugeschaut: Die langen in mein Herz hinein und reparieren es – einfach phänomenal."

Risikofaktoren: Rauchen ist für Frauen schädlicher

Dennoch sitzt der Schock über die schwere Erkrankung tief: "Hätte ich das nicht merken müssen? Bisher dachte ich, wer einen Herzinfarkt bekommt, ist dick, hat Typ-2-Diabetes und raucht. Auf mich trifft das alles nicht zu." Tatsächlich spielen solche ­Risikofaktoren neben ohen Cholesterinwerten, Bluthochdruck, mangelnder körperlicher Bewegung, falscher Ernährung und psychosozialem Stress eine Rolle.

Dabei bestehen in fast jedem Stadium der koronaren Herzkrankheit Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Professorin Ursula Härtel von der Ludwig-Maximilians-Universität in München erläutert: "So scheint Zigarettenrauch bei Frauen noch schädlicher zu wirken als bei Männern." Wer weiblich ist und an einem leidet, hat zudem ein vier- bis sechsfach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt. Bei diabetischen Männern liegt es beim Zwei- bis Vierfachen.

Ständige ho­he Belastungen wirken ebenfalls gesundheitsschädlich, wie zahlreiche Studien bestätigen. "Oft übernehmen Frauen in der Familie die gesamte Organisation, machen den Haushalt und sind berufstätig. In immer mehr Fällen versorgen sie obendrein pflegebedürftige Angehörige", erklärt die Diplom-Psychologin Franziska Pinno-Wellhausen von der Reha-Klinik Höhenried am Starnberger See. Wer sich dann keine Zeit für sich selbst freiräumt, kann ausbrennen und damit sein Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen.

Spezielles Reha-Programm für Frauen

Normalerweise findet erst in der Phase der Rehabilitation die Verarbeitung des Infarkts statt. Auch da gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Während Männer nach der Behandlung im Krankenhaus möglichst schnell wieder gesund und körperlich fit sein wollen, wünschen sich Frauen, dass sie im Alltag mehr entlastet und emotional unterstützt werden.

Auch sind sie zu Beginn ihrer Reha in schlechterer körperlicher Verfassung und haben mehr chronische Krankheiten als gleichaltrige Männer. "Frauen sind viel unsicherer, trauen sich beispielsweise bei sportlichen Aktivitäten zu wenig zu, während sich Männer eher überschätzen", fand die Expertin Härtel heraus. Da liegt es nahe, dass Frauen ein anderes Aufbauprogramm brauchen.

Frauen stärken in der Gruppe ihr Selbstbewusstein

Während einer zehnjährigen Studie in der Klinik Höhenried, gefördert durch die Deutsche Rentenversicherung Bayern, zeigte das Team um Härtel, dass Frauen von einer speziell auf sie zugeschnittenen Therapie noch viele Jahre später profitieren. Sie haben beispielsweise andere Vorlieben, was Sport betrifft. "Wettkämpfe sind nicht besonders beliebt, weil es dabei ständig um das Messen der Leistung geht", sagt Härtel. Ein Sportprogramm mit Musik und Spaß bringt viel mehr, ebenso ein reger Austausch. "Frauen in einer Gruppe unterstützen sich gegenseitig stärker", sagt Josefine B. "Egal ob in der Bewegungs- und Ernährungstherapie oder in der psycholo­­gischen Betreuung."

Bei der Behandlung in der Frauengruppe ging es schwerpunktmäßig auch darum, das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der Frauen – Psychologen sprechen von "Selbstwirksamkeit" – zu stärken. "Viele von ihnen müssen erst das Neinsagen lernen und sich mal um sich selbst kümmern", sagt die Psychologin Pinno-Wellhausen.

Frauen achten nach Herzinfarkt mehr auf sich

Tatsächlich weisen die Ergebnisse deutliche Verbesserun­gen in unterschiedlichen Berei­chen auf: Teilnehmerinnen der Frauengruppe nahmen nach der Reha häufiger an einem Herzsporttraining teil als die aus der Kontrollgruppe. Auch wussten sie besser über ihre Risikofaktoren Bescheid.

Aufgrund der gezielten Ernährungsberatung orientierten sie sich später öfter an dem, was sie gelernt hatten. Dabei geht es etwa um Frust­essen und Gewichtszunahme in den Wechseljahren. Zudem diskutieren sie in den Kursen, wie Mütter sich nach dem Infarkt um ihre Kinder kümmern können, ohne sich selbst und ihren neuen Lebensstil zu vernachlässigen.

Da das Programm bereits zur Routineversorgung gehört, liegen inzwischen Informationen von rund 1500 Patientinnen nach einem Herzinfarkt vor. Ein weite­res interessantes Ergebnis: Für Männer sind gemischt­geschlecht­liche Gruppen günstiger.

Nach drei Wochen Reha fühlt sich Josefine B. wieder fit: "Ich muss das Herz jetzt besser trainieren. Da ist es gut, dass ich meine Belastungsgrenze genau kenne."

Die Symptome eines Herzinfarkts

  • Viele Frauen spüren starke Brustschmerzen, die in Arme, Schultern und Hals ausstrahlen können. Doch sie bringen die Beschwerden eher mit ihrer Brust oder den Wechseljahren in Verbindung, statt an ihr Herz zu denken.
  •  Häufig tut der Oberbauch weh, kombiniert mit Anzeichen wie Übelkeit, Erbrechen und Atemnot. Frauen denken dann oft, sie hätten sich den Magen verdorben.
  • Manchmal ist den Frauen vor einem Herz­infarkt nur sehr übel.

Bei all diesen Sympto­men heißt es: Schnell reagieren und sofort ­den Notarzt rufen!