Neue Alternativen zur Vollnarkose

Heute gibt es mehr Alternativen zur Vollnarkose als je zuvor. Patienten können sogar aufwendige Operationen schmerzfrei erleben, ohne dafür komplett bewusstlos zu sein

von Julia Rudorf, 27.02.2018

Abgeschirmt: Heutzutage gibt es eine Vielzahl an Betäubungsverfahren


Als Gladys Hooper eine künst­liche Hüfte bekam, ging alles recht schnell. In 45 Minuten hatte die Patientin ein neues Gelenk. Ein Routine-Eingriff, der es 2015 dennoch in die Schlagzeilen schaffte. Hoo­per war Jahrgang 1903. Dass die 112-Jährige die Operation so gut überstand, lag auch an der Art der Betäubung.

Die Ärzte arbeiteten mit einer Teilnarkose, auch Regionalanästhesie genannt. Dabei wird nur die betroffene Region betäubt. Gladys Hooper bekam eine Spinalanästhesie, die im unteren Körperbereich die Empfindung unterdrückt. Dabei spritzt man das Betäubungsmittel direkt in die Umgebung der Nerven. Die Weitergabe von Schmerz­impulsen an das Gehirn wird auf diese Weise verhindert.

Will Dr. Jens Döffert seinen Patienten die Vorteile der Regionalanästhesie verdeutlichen, erzählt er ihnen unter anderem von Gladys Hooper. "Gerade betagtere Patienten haben große Angst, nach einer Vollnarkose aufzuwachen und nicht mehr ganz die Alten zu sein", sagt der Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin an der Kreisklinik in Calw. Bei einer Teilnarkose würden Übel­­keit, Verwirrtheit und Herz-Kreislauf-Probleme seltener auftreten.

Relativ neue Entwicklung

Dass es für Operationen kaum noch eine Altersgrenze gibt, ist heute ebenso selbstverständlich wie die Betreuung durch einen Anästhesisten. Dabei gibt es die Kunst, Patienten für die Dauer ­eines medizinischen Eingriffs in einen Zustand der Empfindungslosigkeit zu versetzen, noch gar nicht so lange. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann man damit, Patienten überhaupt zu betäuben. Eine medizinische Revolution: Endlich konnten Ärzte in Ruhe arbeiten, während der Patient schlummerte – anstatt sich unter Qualen aufzubäumen.

Für Aufmerksamkeit sorgte 1898 ein Versuch an der königlichen Universitäts­klinik Kiel. Der Chirurg August Bier testete an seinem Assistenzarzt, ob eine Kokainlösung im Rückenmark dessen untere Körperhälfte betäuben könnte. Bier überprüfte die Narkosewirkung, indem er seinem Assistenten mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein schlug oder eine glühende Zigarre auf die Haut drückte. Der Proband spürte davon nichts.

Trotzdem konnte sich die Regionalanästhesie damals noch nicht durchsetzen, unter anderem, weil sie Geschick verlangte und zeitaufwendig war. Eigen­ständige Narkoseärzte, Anästhesisten, gab es erst viel später, ab den 1950er-Jahren. Gleichzeitig entwickelte sich die Vollnarkose weiter – und wurde zum Standard. Döffert: "Sie galt damals als das einfachere und zuverlässigere Verfahren."

Bis zu 80 Prozent der Eingriffe finden in Regionalanästhesie statt

Heute können Anästhesisten auf weitaus mehr Techniken zurückgreifen. Wie oft die Wahl auf die regionale Betäubung fällt, dazu gibt es jedoch keine Zahlen. Bisher werden in Deutschland die ­Narkosearten nicht gesondert erfasst. Bei einem Großteil der 230 000 Kaiserschnittgeburten beispielsweise ist eine Betäubung über das Rückenmark Standard. Auch viele Eingriffe an den Extremitäten, also Armen und Beinen, können in Teilnarkose gemacht werden.

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"Es gibt große Unterschiede", sagt Dr. Thomas Geisenberger, Anästhesist im Schweizer Ospidal Unterengadin. Im Winter haben dort Skiunfälle Hochsaison, Ärzte bekommen es häufig mit gebrochenen Beinen und Füßen zu tun. "Die Regionalanästhesie wird hier bei etwa 70 bis 80 Prozent der Eingriffe eingesetzt", so Geisenberger. Anders sieht es in der Notfallmedizin aus oder bei langwierigen Operationen, insbesondere am Bauchraum. Dann ist eine Vollnarkose meist unverzichtbar. 

Genauere Betäubung der Nerven durch Ultraschall

Dass Mediziner bei vielen anderen Eingriffen die Wahl haben, ist vor allem einer modernen Technik zu verdanken: hochauflösenden Ultraschallgeräten. Lange konnten sich Anästhesisten bei ihrer Arbeit nur auf ihre Anatomiekenntnisse und ihr räumliches Vorstellungsvermögen verlassen, um für regio­nale Betäubungen die entscheidenden Nerven aufzuspüren. Doch Nerven verlaufen bei jedem Menschen unterschiedlich, verborgen unter Haut und Gewebe. Zur Orientierung dienten den Ärzten unter anderem Knochen, Muskeln, aufgemalte Hilfslinien.

In den 70er-Jahren wurden Nadeln entwickelt, die mithilfe von schwachem Strom die Nerven besser aufspüren konnten. Die sogenannte Nervenstimulation ist bis heute das Standardverfahren und gilt als sehr ­zuverlässig. Doch etwa seit der Jahrtausendwende liefert der Ultraschall Bilder in Echtzeit – etwas, das es in der Anästhesie bis dahin so nicht gab. "Dadurch kam es zu einem enormen Entwicklungsschub", sagt Professor Thomas Volk, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv­medizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes. 

Anders als frühere Modelle stellen die empfindlichen Ultraschallgeräte selbst millimeterdünne Nervenfasern dar. Hält der Anästhesist den Schallkopf auf die Körperregion, an der die entsprechenden Nerven verlaufen, sieht er auf dem Bildschirm nicht nur Blutgefäße und Nerven, sondern auch die Nadel, die er mit der anderen Hand in Richtung Nerv steuert. Weiterentwickelte Systeme könnten Ärzte bei der Orientierung im Körper noch stärker unterstützen, indem sie etwa Regionen einblenden, die der Anästhesist meiden sollte. "Die Idee sind quasi Navigationsysteme", sagt Volk, der sich in der Gesellschaft für Anästhesiologie im Arbeitskreis Regionalanästhesie engagiert. 

Wiederentdeckung alter Betäubungsverfahren

Der neu gewonnene Durchblick ermöglichte auch die Wiederentdeckung mancher Betäubungsverfahren, die wegen hoher Komplikationsraten in Vergessenheit geraten waren. Zum Beispiel eine Technik für Eingriffe an Arm und Schulter. Dabei muss das Betäubungsmittel nahe an einem Nervengeflecht gespritzt werden, das zwischen den Schultern liegt. Der Anästhesist kann die Stelle von ober- oder unterhalb des Schlüsselbeins erreichen. Allerdings liegen in dessen unmittelbarer Nähe wichtige Blutgefäße und die Lunge. Lange Zeit galten solche Schmerzblockaden deshalb als relativ riskant. Heute jedoch sind sie ein etabliertes und sicheres Standardverfahren – dem Ultraschall sei Dank. 

Aufgrund solcher Fortschritte herrsche eine gewisse Euphorie, sagt Döffert. Von den Erfolgen profitieren viele Patienten. Selbst Kleinkinder und Säuglinge, bei denen die Risiken durch Vollnarkosen größer sind als bei Erwachsenen, können heute unter Teilnarkose operiert werden.

Weniger Medikamente nötig

Außerdem kommen viele Betäubungsarten mit weniger Medikamenten aus. "Wenn der Nerv vom Wirkstoff umflossen wird, kann man das im Ultraschall genau sehen. Dann wirkt auch die Narkose", erklärt Dr. Ingo Bergmann, Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin an der Orthopädischen Fachklinik Hessisch Lichtenau. Oft ist die benötigte Menge geringer, als es lange Zeit in den Lehrbüchern stand. In manchen Fällen braucht man lediglich die Hälfte der bisherigen Wirkstoffmenge oder sogar noch weniger, bis die gewünschte Betäubung eintritt.

Trotz aller Fortschritte kann und soll die Teilnarkose die Vollnarkose aber nicht völlig ersetzen, betont Volk. "Wir haben heute alle Möglichkeiten, um ­­individuell auf den Patienten einzu­gehen." So können etwa bei Operationen, die starke Schmerzen nach sich ziehen, beide Narkosearten kombiniert werden – während des Eingriffs und im Anschluss daran.

Kombination aus verschiedenen Verfahren

Dafür wird in die Nadel ein dünner Katheterschlauch geschoben, der in der Nähe des zu betäubenden Nervs zum Liegen kommt. Die Nadel wird herausgezogen, der Schlauch, dünn wie eine Kugelschreiberspitze, bleibt zurück. Über diesen können Ärzte auch in den Tagen nach der Operation ein Lokal­anästhetikum verabreichen. Das hat mehrere Vorteile, wie Mediziner Geisenberger erklärt: "Zum einen kann bei der OP das Narkosemittel niedriger dosiert werden, was das Risiko von Nebenwirkungen der Vollnarkose senkt." Zudem kommen Patienten danach schneller wieder auf die Beine, die Rehabilitation kann früher beginnen.

Mit diesem Kombinationsverfahren, so die Hoffnung der Anästhesisten, lassen sich vielleicht auch chronische Schmerzen nach OPs vermeiden oder reduzieren, etwa der sogenannte Phantomschmerz nach einer Amputation. "Weil die regionale Anästhesie verhindert, dass der Schmerzreiz das Gehirn erreicht, ist es gut vorstellbar, dass ein Schmerzgedächtnis so erst gar nicht entsteht", sagt Bergmann. 

Auf einem Gebiet gibt es jedoch Nachholbedarf: die Patienten besser über die Narkose-Möglichkeiten zu informieren. "Manche Menschen möchten nicht mitbekommen, dass sich Ärzte an ihrem Körper zu schaffen machen", sagt Volk. Eine schwere OP ohne Vollnarkose ist für sie eine beängstigende Vorstellung. Dabei muss bei der Teilnarkose keiner wach bleiben: Mit einem Beruhigungsmittel können Pa­tienten während des Eingriffs sanft schlummern.

Die richtige Narkose finden

  • Aufklärung: Bei geplanten Eingriffen muss am Tag vor der Operation ein Narkose­gespräch mit dem ­Anästhesisten stattfinden.  
  • Krankengeschichte: Der Arzt stellt dabei viele Fragen zum Gesundheitszustand. Nur mit diesen Informationen kann er das geeignete Narkoseverfahren sowie die optimale Schmerztherapie nach der Operation auswählen. 
  • Erwartungen: Patienten sollten das Gespräch nutzen, um Hoffnungen oder Ängste anzusprechen. Diese können dann bei der Wahl des ­Verfahrens berücksichtigt werden.