Machen Weichmacher im Essen krank?

Jeder Mensch hat Abbauprodukte von Weichmachern im Körper. Aufgenommen werden Phthalate über Lebensmittel und die Umgebung. Wie gefährlich sind sie – und machen sie dick?

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 02.12.2016

Praktischer Kunststoff: Aber in Plastikflaschen stecken zum Beispiel Weichmacher


Sie werden jährlich in Mengen von mehreren Millionen Tonnen hergestellt: Weichmacher, in der Fachsprache auch Phthalate genannt, werden Kunststoffen wie zum Beispiel Weich-Polyvinylchlorid (PVC) zugesetzt, damit sie biegsam, dehnbar und geschmeidig werden. Von Autoreifen über Plastikschläuche und Folien bis zu Zahnfüllungen gibt es kaum ein Produkt aus Kunststoff, das ohne Phthalate auskommt. "Weichmacher sind chemisch nicht fest mit dem Kunststoff verbunden. Sie können sich im Kontakt mit Lebensmitteln, vor allem mit Fetten und Ölen, leicht ablösen", erklärt Dr. Andreas Gies, Biologe und Leiter der Abteilung Umwelthygiene am Umweltbundesamt. Zwar ist die Verwendung von Weichmachern in Lebensmittel-Verpackungen EU-weit stark eingeschränkt. Dennoch gelangen sie ins Essen und damit in den menschlichen Organismus, in Blut und Urin.

Besonders belastet: Verarbeitete und fetthaltige Lebensmittel

Je nachdem wie sich ein Mensch ernährt, variieren die Werte. Das zeigt eine aktuelle Studie der George Washington University (USA). Die Wissenschaftler hatten den Urin von fast 9000 Probanden untersucht. Darin fanden sie bis zu 40 Prozent mehr Reste des Weichmachers Diisononylphthalat (DINP) bei Fastfood-Fans als bei Personen, die einen Tag zuvor keine Burger, Pizzas oder Ähnliches verzehrt hatten. Beim Phthalat Diethylhexylphthalat (DEHP) waren es 24 Prozent. Nach Aussage der Forscher besteht ein dosisabhängiger Zusammenhang zwischen Fastfood-Konsum und der Aufnahme von Weichmachern. "Je mehr fetthaltige verarbeitete Lebensmittel man zu sich nimmt und je höher deren Verarbeitungsgrad ist, umso mehr Phthalate nimmt man zu sich", bemerkt auch Daniela Krehl, Ernährungswissenschaftlerin und Sprecherin für Ernährungsthemen bei der Verbraucherzentrale Bayern.

Abkürzungen der gängigsten Weichmacher

DEHP:

Diethylhexylphthalat


DINP:

Diisononylphthalat
 


DEHA:

Diethylhexyladipat


BPA:

Bisphenol-A


DIDP:

Diisodecylphthalat


DBP:

Dibutylphthalat


BBP:

Benzylbutylphthalat


DPHP:

Dipropylheptylphthalat


DEHP:

Diethylhexylphthalat

Verboten und trotzdem präsent

Seit 2015 dürfen DEHP und andere Weichmacher nach der in der EU nicht mehr ohne Zulassung für die Herstellung von Verbraucherprodukten verwendet werden. Für die Verpackung fetthaltiger Lebensmittel ist DEHP bereits seit 2007 verboten. Doch DEHP & Co. dürfen als importierte Waren weiterhin eingeführt werden und sind in der Umwelt nach wie vor weit verbreitet. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt aber, dass alle Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Fett, Getreide, Obst, Gemüse und Milchprodukte dennoch mit der Chemikalie belastet sein können. In fetthaltigen Würzsoßen wie Mayonnaise und ölhaltigen Fertigprodukten wie Gemüse und Fisch im Glas oder anderen ölhaltigen Konserven würden zudem höhere DEHP-Werte auftreten als in loser, unverarbeiteter Ware.

Gefahren für die Schilddrüse?

Phthalate können sich ganz unterschiedlich auf den Körper auswirken. Die EU hat DEHP und einige andere Weichmacher bereits vor ein paar Jahren als gefährlich für die Fortpflanzungsfähigkeit eingestuft, weil sie die Ausschüttung von männlichen Geschlechtshormonen beeinflussen. Andere Phthalate schädigten in Tierversuchen die Schilddrüse und die Hirnanhangsdrüse. "Hierfür sind aber offenbar hohe Phthalat-Konzentrationen nötig", sagt Professor Josef Köhrle, Hormonforscher am Endokrinologischen Forschungszentrum der Charité Universitäsmedizin Berlin. "Da es sich nur um Untersuchungen im Tiermodell handelt, sollte man mit Schlussfolgerungen vorsichtig sein. Andererseits kann man nicht ausschließen, dass die menschliche Schilddrüse bei entsprechender Belastung gefährdet ist." Hierauf deuten laut Köhrle erste rückblickende Studien mit kleinen Fallzahlen hin, in denen Zusammenhänge zwischen gemessenen Weichmacherkonzentrationen und veränderten Schilddrüsenhormonwerten beobachtet wurden. Störsubstanzen wie die Weichmacher könnten jedoch laut dem Berliner Hormonforscher eine ausreichend mit Jod versorgte Schilddrüse viel weniger schädigen.

Auch der Leber als Entgiftungsorgan setzen manche Weichmacher zu. Für alle Effekte gilt: "Für einzelne Phthalate gibt es zwar Grenzwerte", betont Andreas Gies vom Umweltbundesamt. "Ihre Wirkungen können sich aber aufaddieren. Und wir leben in einer zunehmend kunststofforientierten Welt mit vielen Weichmacher-Quellen."

Machen Weichmacher dick?

Epidemiologischen Studien zufolge könnten erhöhte Phthalat-Konzentrationen im Körper auch an der Entwicklung von Übergewicht beteiligt sein. Ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ist damit aber noch nicht bewiesen. Möglicherweise ernähren sich Übergewichtige in der Art, dass sie erhöhte Phthalat-Mengen aufnehmen (siehe die Fastfood-Studie oben). Allerdings hat kürzlich eine zehnwöchige Tierstudie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ergeben, dass Weichmacher – in diesem Fall DEHP – im Trinkwasser von Mäusen bereits in geringen Konzentrationen zu deutlichen Gewichtszunahmen vor allem bei weiblichen Mäusen führt. Daneben waren Auffälligkeiten im Blut der übergewichtigen Mäuse festzustellen: Der Zuckerstoffwechsel entgleiste, die Zahl der Fettsäuren stieg an. Auch bei den Stoffen, die das Bauchfettgewebe freisetzt, um andere Organe zu steuern, traten Veränderungen auf.

Tipp für Verbraucher:

Wer wissen möchte, ob ein bestimmtes Produkt fortpflanzungsschädigende Phthalate enthält, kann ein Antragsformular auf der Seite des Umweltbundesamtes nutzen: . Hierzu ist der Strichcode des Produkts nötig. Hersteller, Importeure oder Handel müssen innerhalb von 45 Tagen auf die Anfrage antworten.

Ersatzstoffe oft nicht weniger problematisch

Werden Phthalate verboten, werden sie durch andere Stoffe ersetzt. Doch sind diese nicht automatisch weniger bedenklich. "Es gibt auch hier Stoffe, die kritisch zu sehen sind", sagt Biologe Gies. Das Problem tritt vor allem bei Fleischverpackungen aus sauerstoffdurchlässigem Weich-PVC besonders häufig auf. Anstelle der Phthalate kommt hierfür inzwischen häufig Diethylhexyladipat (DEHA) zum Einsatz.

Was kann jeder Einzelne tun?

Um die mit dem Essen aufgenommenen Mengen an Weichmachern möglichst klein zu halten, rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu abwechslungsreicher Ernährung, frisch zubereiteten Speisen und wenig Fertigprodukten. Daneben sei es ratsam, Produktmarken häufiger zu wechseln, weil gleiche Produkte je nach Hersteller unterschiedliche Weichmachermengen enthalten können. "Je mehr frisch zubereitete Speisen man zu sich nimmt, desto geringer ist das Risiko", sagt Verbraucherschützerin Daniela Krehl. Die aufgenommenen Mengen an DEHP über Lebensmittel und andere Quellen wie Hausstaub seien in der Regel jedoch so gering, dass kein Gesundheitsrisiko besteht, so das BfR.

Beim Einkaufen sorgfältig auswählen

Allerdings nehmen wir tagtäglich über Lebensmittel und Alltagsgegenstände nicht nur Weichmacher, sondern auch andere Industriechemikalien wie beispielsweise Bisphenol-A (BPA) auf. BPA ist in Innenbeschichtungen von Getränke- und Konservendosen enthalten und kann durch Wasser herausgelöst werden. Wie manche Weichmacher kann das BPA hormonähnlich wirken. Auch wenn das Risiko für einzelne Industriechemikalien laut Einschätzung offizieller Stellen nicht hoch ist, addieren sich die Risiken auf. Deshalb sollte man diese Stoffe – soweit möglich – vermeiden.

In welchen Produkten der Einsatz von Phthalaten verboten ist