Durchfall durch Medikamente: Was tun?

Durchfall gehört zu den häufigsten Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Unter anderem Antibiotika, Blutdrucksenker und Metformin stehen im Verruf. Was hilft?

von Barbara Kandler-Schmitt, 22.03.2018
Toilettenpapier

Unangenehme Nebenwirkung: Verdauungsprobleme


Mit sieben Prozent ist der Durchfall Spitzenreiter in der Nebenwirkungsstatistik von Arzneimitteln. "Inzwischen sind mehr als 700 Wirkstoffe bekannt, die Durchfall auslösen können", sagt Professor Ralf Stahlmann vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité in Berlin. 

Dazu zählen sehr häufig verordnete Medikamente wie Antibiotika, Magensäureblocker, Blutdrucksenker und Diabetesmittel. Aber auch bei einigen rezeptfreien Arzneien kann die unangenehme Nebenwirkung auftreten, zum Beispiel bei magnesiumhaltigen Mineralstoffpräparaten oder Mitteln gegen Sodbrennen.

Herr Gustav Wassermann

Unerwünschte Wirkung ist dosisabhängig

"Wenn ein Patient erstmals unter unklaren Durchfällen leidet, sollte der Apotheker deshalb dessen Medikamente überprüfen – vor allem, wenn die Medikation vor kurzem geändert wurde", sagt der Hagener Apothekeninhaber Friedrich Wassermann. Oft lasse sich das Problem nach Rücksprache mit dem Arzt beheben: Medikamente werden umgestellt, Dosierungen angepasst.

"Wie alles in der Pharmakologie sind auch solche Effekte dosisabhängig", sagt Experte Stahlmann. Die Herausforderung bestehe darin, die individuell richtige Dosierung zu finden, sodass der Patient eine Wirkung verspüre, ohne unter Nebenwirkungen zu leiden. Manche Mittel, wie das Antidiabetikum Metformin, seien besser verträglich, wenn die Dosis langsam erhöht werde.

Die Mechanismen, über die Arzneien Durchfälle auslösen, sind komplex und sehr verschieden (siehe anklickbarke Grafik). So können Medikamente die Bewegungen der Magen-Darm-Muskulatur anregen und die Passage des Nahrungsbreis beschleunigen. Eventuell sind Durchfall, Krämpfe und Bauchschmerzen die Folgen.

So können Medikamente Durchfall verursachen

Magensäure

Säureblocker wie Omeprazol begünstigen infektiös bedingte Durchfälle, weil sie die Produktion der desinfizierenden Magensäure hemmen.

Nervensystem

Antidementiva wie Donepezil und Rivastigmin stimulieren den Teil des vegetativen Nervensystems, der die Verdauung anregt.

Darmschleimhaut

Viele Krebsmedikamente, aber auch der Blutdrucksenker Olmesartan können hier zu entzündlichen Veränderungen führen.

Darmflora

Antibiotika schädigen die Darmbakterien, sodass sich Durchfallerreger ausbreiten können. Auch das Antidiabetikum Metformin verändert ihre Zusammensetzung.

Stuhlbeschaffenheit

Abführmittel erhöhen den Wassergehalt des Stuhls; das Abnehmmittel Orlistat steigert dessen Fettgehalt. Beides kann Durchfall auslösen.

Muskulatur

Prokinetika wie Metoclopramid verstärken die Bewegungen der Magen-Darm- Muskulatur und beschleunigen die Passage des Nahrungsbreis.

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Antibiotika greifen auch die gesunde Darmflora an

Meist hängen Wirkung und Nebenwirkung eng zusammen. Bekanntestes Beispiel: Antibiotika. Sie machen nicht nur Krankheitserregern den ­Garaus, sondern können auch jene Keime im Darm schädigen, die wichtige Aufgaben bei der Verdauung und Immunabwehr erfüllen.

"Obwohl sich die natürliche Darmflora nach einigen Wochen wieder erholt, leiden viele Patienten während oder kurz nach einer Antibiotika­therapie an Durchfall", sagt Pharmakologe Stahlmann. Ob Probiotika mit lebenden Darmbakterien dem vorbeugen können, ist umstritten. Stahlmann: "Es gibt keine Studien, die das eindeutig belegen." 

Meist sind die antibiotikabedingten Beschwerden ohnehin leicht und vorübergehend; nur in seltenen Fällen werden sie ­gefährlich. Das passiert vor allem dann, wenn die Darmflora so stark geschädigt ist, dass sich der Erreger Clostridium difficile im Darm ausbreitet. Er verursacht lang anhaltende, starke Durchfälle. Viele Patienten müssen in die Klinik, der Körper droht wegen des Flüssigkeitsverlustes auszutrocknen. 

Durchfall durch verringerte Magensäure oder angeregte Verdauung

Auch sogenannte Protonenpumpenblocker, die die Magensäure hemmen, begünstigen infektiös bedingte Durchfälle. Apotheker Wassermann: "Da weniger keimtötende Magensäure produziert wird, gelangen vermehrt Krankheitserreger in den Darm und führen zu einer bakteriellen Fehlbesiedlung."

Manche Medikamente gegen Demenz (Antidementiva) aktivieren dagegen den Parasympathikus – den Teil des vegetativen Nervensystems, der unter an­derem für die Anregung der Verdauung zuständig ist. So erhöhen die Mittel zwar einerseits die Konzentra­tion bestimmter Botenstoffe im Gehirn der Patienten, regen aber gleichzeitig die Verdauung an und ver­ur­sachen Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle. Meist schafft eine Änderung der Dosis Abhilfe. 

Auslöser für Durchfall bei Metformin und Olmesartan ungeklärt

Bei manchen Arzneien schließlich wissen Experten bis heute nicht, warum sie Durchfall hervorrufen. Zum Beispiel bei Metformin, einem seit vielen Jahren zugelassenen Antidiabetikum. Eine 2015 im Fach­magazin Nature veröffentlichte Studie weist darauf hin, dass das Präparat die Zusammensetzung der Darmflora verändert und die Ansiedlung von Kolibakterien fördert. "Wir vermuten zudem, dass Met­formin in den Stoffwechsel von Botenstoffen wie Serotonin eingreift", sagt Stahlmann.

Ebenfalls ungeklärt ist die Nebenwirkung des Blutdrucksenkers Olmesartan. Er verursacht chronische Durchfälle, die offenbar immunologisch bedingt sind und nur wenige Patienten betreffen. Da die Beschwerden erst nach monate- oder jahrelanger Einnahme auftreten, wird oft kein Zusammenhang mit der Arznei vermutet. 

"Durch eine Medikationsanalyse können wir Apotheker dann zur Lösung des Problems beitragen", sagt Wassermann. Werde der Patient auf einen anderen Blutdrucksenker umgestellt, verschwänden die Beschwerden in der Regel wieder. Wie Wassermann betont, sollte man Medikamente jedoch nie eigenmächtig absetzen und die Dosis nur nach Rücksprache mit dem Arzt reduzieren. 

Ursache des Durchfalls durch einen Arzt abklären lassen

Durchfälle müssen immer zeitnah abgeklärt werden, vor allem bei älteren Menschen oder wenn sie erstmals auftreten und weitere Symptome hinzukommen wie Blut im Stuhl, Gewichtsabnahme, Fieber, schlechtes Allgemeinbefinden oder ein Wechsel von Durchfall und Verstopfung. Von einer Selbstbehandlung mit durchfallhemmenden Medikamenten rät Pharmakologe Stahlmann ab: "Dann besteht die Gefahr, dass die Ursache der Beschwerden verschleiert wird." 

Medikamente seien nur eine von vielen möglichen Durchfallursachen. Zunächst müsse der Arzt deshalb Infektionen, Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln, vor allem aber bösartige oder entzündliche Darmerkrankungen ausschließen.

Hilfe bei akutem Durchfall  

Die häufigste Ursache von akutem Durchfall sind Magen-Darm-Infekte. Für Erwachsene gibt es dagegen rezeptfreie Mittel aus der Apotheke: Loperamid hemmt die Bewegungen der Darmmuskulatur, Racecadotril reduziert die Abgabe von Wasser und Elektrolyten ins Darminnere.

Ob Probiotika mit lebenden Darmbakterien oder Hefepilzen helfen, ist nicht eindeutig belegt. Auch für pflanzliche und gerbstoffhaltige Durchfallmittel sowie medizinische Kohle liegen keine aussagekräftigen Studien vor. 

Wichtig ist vor allem eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr mit einer glukosehaltigen Elektrolytlösung, die es in geeigneter Zusammensetzung in der Apotheke gibt. Tritt nach zwei Tagen keine Besserung ein, ist ein Arzt aufzusuchen, bei Fieber und blutigen Durchfällen sofort.