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Blinddarmentzündung ohne OP?

Nicht immer ist bei einer Entzündung des Wurmfortsatzes im Blinddarm – von Ärzten Appendizitis genannt – gleich eine Operation fällig. Wann Medikamente helfen können

von Sonja Gibis, 08.03.2019
Bauch

Herausforderung Blinddarm: Er ist ein Sorgenkind. Kommt es zu einer Entzündung, muss meist der Wurmfortsatz entfernt werden. Dieser ist jedoch wichtiger für das Immunsystem als angenommen


Er ist nur wenige Zentimeter lang. Doch kann er riesigen ­Ärger machen. Entzündet sich der Blinddarm, wie man den Wurmfortsatz des eigentlichen Blinddarms umgangssprachlich nennt, besteht die Gefahr eines Durchbruchs. Und der gilt auch heute noch als lebensbedrohlicher Notfall. Bislang kannten Ärzte bei einer Entzündung daher nur eine Option: raus damit!

Lästiger Wurmfortsatz

Seit einigen Jahren mehren sich allerdings die Hinweise, dass es neben der radikalen Lösung noch eine andere gibt. Studien haben gezeigt, dass Antibiotika eine sichere ­Alternative sein können. In Deutschland blieben viele Experten erst einmal skeptisch. Doch bahnt sich offenbar auch hier langsam ein Umdenken an.

Wird im Berliner Vivantes-Klinikum Neukölln bei Kindern oder Jugend­lichen eine Blinddarmentzündung diagnostiziert, bedeutet das inzwischen nur noch in wenigen Fällen: sofort in den OP! Nur wenn der Wurmfortsatz durchgebrochen ist oder kurz davorsteht, muss operiert werden. Das gilt auch, wenn Fremdkörper wie verhärteter Kot den Blinddarm verstopfen.

In einem unkomplizierten Fall, wie Mediziner mildere Entzündungen nennen, bietet der Leiter der Klinik für Neugeborenen- und Kinderchi­rurgie, Professor Bernd Tillig, den ­Eltern eine Alternative an: eine Behandlung mit Antibiotika. Die Kinder erhalten Schmerzmittel und bleiben zur Überwachung für etwa drei Tage im Krankenhaus. "Schlagen die Antibiotika innerhalb von 24 Stunden nicht an, operieren wir", sagt Tillig.

Operation nur im Notfall

Das betrifft ungefähr ein Drittel der Kinder. Doch habe der verzögerte Eingriff bislang nie zu Komplikationen geführt. Den anderen zwei Dritteln bleibt eine Operation erst einmal erspart. Bei einigen entzündet sich der Blinddarm in der Folgezeit allerdings wieder, dann wird operiert. Im Prinzip wäre aber auch eine erneute Behandlung mit Antibiotika möglich.

Prof. Dr. Bernd Tillig

Entscheidend, um Komplikationen zu vermeiden, ist eine eindeutige Dia­­gnose. Neben der körperlichen Untersuchung bringt vor allem der Ultraschall wertvolle Hinweise. "Bei Kindern liefert dieser sehr sichere Ergebnisse", sagt Tillig. Allerdings gibt es große Unterschiede. Wichtig sei neben der Qualität des Geräts vor allem die Erfahrung des Arztes, der die Untersuchung vornimmt.

Insgesamt sind die Ergebnisse dieses neuen Vorgehens durchaus positiv. Allgemeine ärztliche Empfehlungen lassen sich laut Tillig daraus aber noch nicht ableiten. "Es sind die ersten Ansätze. Die Eltern müssen umfänglich informiert und einverstanden sein", sagt der Kinderchirurg.

Teil des Immunsystems

Dass man auf die Entfernung des Blinddarms verzichtet, findet Tillig nicht nur sinnvoll, weil man Patienten eine Operation erspart. Hielt man den Wurmfortsatz (Appendix) früher für ein unnützes Relikt aus der menschlichen Entwicklungsgeschichte, hat sich die Sicht inzwischen verändert. "Der Appendix ist Teil des Immunsystems", erklärt Tillig. Er bildet unter anderem ein Reservoir für wichtige Darmbakterien. Wird die Darmflora gestört, etwa bei einer Durch­fallerkrankung, dient der Appendix als "Bakterien-Reservoir". Die Regeneration verläuft schneller bei einem noch vorhandenen Wurmfortsatz, wie Studien ergaben.

Das gilt auch für Erwachsene. Sollte man daher auch bei ihnen versuchen, das Organ zu erhalten? Obwohl die ­Antibiotika-Therapie in Studien ebenfalls gute Ergebnisse zeigt, sind Experten noch immer zurückhaltend.

Herausforderung Blinddarm

Ein Grund dafür: die Unsicherheit der Diagnose. Nicht immer lässt sich aus Beschwerden und Blutbild zuverlässig auf die Schwere der Entzündung schließen. "Bei Erwachsenen sind die Ergebnisse des Ultraschalls deutlich schlechter als bei Kindern", erklärt Professor Albrecht Stier, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie am Helios-Kli­nikum Erfurt. Oft sei der entzündete Darm durch Luft aufgebläht, oder der Wurmfortsatz sei schlicht nicht zu erkennen. Auch Übergewicht erschwert die Diagnose. Selbst für erfahrene Ärzte erweist sich der Appendix als Herausforderung. "Bei der Blinddarmentzündung kann man sich auf nichts verlassen", sagt Stier.

Um auf Nummer sicher zu gehen, ­untersuchten die Ärzte des Universitätsklinikums im finnischen Turku die Patienten daher im Computertomografen (CT), bevor sie sie mit Antibiotika behandelten. "Für den Patienten be­deutet das eine hohe Strah­len­belastung", warnt Professor Joachim Jähne, Leiter der Klinik für Allgemein- und Visze­ralchirurgie Diakovere in Hannover.

Die Belastung bei einer CT- Aufnahme des Bauchraums entspricht in etwa der von 500 Röntgenaufnahmen des Brustkorbs. Zu rechtfertigen sei dies allenfalls bei älteren Patienten, wenn durch die Bildgebung zusätzlich andere mögliche Erkrankungsursachen abgeklärt werden können.

Rat des Chirurgen, Wille des Patienten

Dennoch lehnen die Chirurgen Stier und Jähne die Medikamenten-Alternative nicht völlig ab. "Wenn für den Patienten eine Narkose eine Gefahr bedeutet, eine starke Blutungsgefahr besteht oder eine unklare Diagnose vorliegt, kann man durchaus einen Therapieversuch mit Antibiotika unternehmen", sagt Stier.

Was will der Patient?
Eine wichtige Rolle spielt für die Chirur­gen auch der Wunsch des Patienten. Spreche alles für einen milden Verlauf der Entzündung und der Betroffene will eine Operation vermeiden, sei ein Behandlungsversuch mit Antibiotika durchaus zu verantworten – wenn der Patient gut überwacht wird. Jähne: "Werden die Beschwerden schlimmer, heißt das: sofort in den OP!"