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Die eingebildete Penicillinallergie

Viele Menschen glauben, überempfindlich auf Penicilline zu reagieren. Nur selten liegen sie richtig. Daraus ergeben sich Nachteile für die Therapie

von Dr. Achim Schneider, 31.01.2019
Peinicillin

Halbsynthetisches Molekül: So sieht die chemische Struktur von Ampicillin aus


Die Luft wird knapp, das Herz rast, der Blutdruck fällt. Diese heftige Reaktion beispielsweise auf ­Wespenstiche, Lebensmittel oder Medikamente heißt Anaphylaxie. Pro Jahr sterben in Deutschland einige Dutzend Menschen daran. Wegen dieser Gefahr verordnet ein Arzt kein Penicillin, wenn sein Patient von einer allergische Reaktion berichtet oder dessen Unterlagen einen Vermerk enthalten.

9 von 10 keine Allergien

Studien zeigen allerdings: Penicillin-­Allergien werden stark überschätzt. Angeblich sind rund zehn Prozent der Bevölkerung betroffen. Doch neun von zehn dieser vermeintlichen Allergien sind gar keine. Die Untersuchten rea­­gierten weder anaphylaktisch noch mit nässendem Ausschlag binnen zwei Stunden oder juckenden Pusteln nach ein paar Tagen.  "Viele Patienten sagen, ich habe eine Penicillin-Allergie und begründen das mit allen möglichen Missempfindungen nach der Wirkstoffgabe", sagt Dr. Katja de With, Leiterin der Abteilung für Klinische Infektio­logie am Klinikum der Technischen Universität Dresden.

Doch zum Beispiel die berichteten Hautausschläge können eine Folge der Krankheit und nicht der Medikamente sein. Oft steht im Allergiepass auch nur der Vermerk "Penicillin-Allergie". Der Wirkstoff und die Art der Reaktion sind nicht beschrieben. Der Arzt verordnet dann ein anderes Antibiotikum. Das ist nicht immer die beste Therapie.

Prof. Dr. med Knut Brockow

Keine gleichwertigen Alternativen

"Die Alternativen haben häufig mehr Nebenwirkungen und eine niedrigere Wirksamkeit als Penicilline", erklärt Professor Knut Brockow, Hauptautor der Leitlinie zur Diagnostik von Überempfindlichkeitsreaktionen auf Arzneimittel. Welche Nachteile sich daraus ergeben können, zeigt etwa das Beispiel einer Schwangeren, publiziert in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine:

Die junge Frau erhielt kurz vor dem geplanten Kaiserschnitt statt eines Penicillins die Alternative Clindamycin. Sie entband problemlos, erlitt aber zwei Wochen später schweren Durchfall, ausgelöst durch Clostridium-Bakterien. Erst nach wochenlanger Therapie mit einem Antibiotikum gegen Clostridien war sie wieder genesen. Und das alles wegen einer Penicillin-Allergie, die keine war, wie sich später zeigte.

Patienten entwickeln tatsächlich häufiger Clostridium-Infektionen, wenn sie Penicillin-Alternativen erhalten, bestätigte eine Analyse im British Medical Journal diesen Juni.

Resistenzproblem verschärft

Doch der Masseneinsatz von Alterna­tiven befeuert ein weiteres Problem. Denn die verordneten Ersatzmittel sollen eigentlich vor allem dann genutzt werden, wenn Medikamente der ersten Wahl nicht wirken, weil die bakteriellen Erreger an sie angepasst sind. "Wenn aber jeder Zehnte wegen einer vermeintlichen Penicillin-Allergie ein Reserve-Antibiotikum verordnet bekommt, verschärft das unser Resistenzproblem", sagt Brockow.

Auch das zeigte die zuletzt genannte Studie: Die mit Ersatz-Antibiotika therapierten ­­Patienten infizierten sich in den fol­genden Jahren öfter mit vielfach resis-
tenten Varianten des Hautbakteriums ­Staphylococcus aureus (MRSA).

Allergietest beim Arzt

Allergietests verschaffen Gewissheit. Dazu prüfen Spezialisten mehrere Peni­­cilline. "Nur sehr selten reagiert ein Patient allergisch auf alle Wirkstoffe", sagt Brockow. Für alle anderen findet sich ein gut verträgliches Penicillin. Allerdings ist die Analyse zeitintensiv und teuer. Sie umfasst Hauttests sowie eine provozierende Medikamentengabe und erfolgt vor allem in Kliniken, wo Ärzte im Fall einer Anaphylaxie sofort eingreifen können.

De With hält es auch nicht für nötig, jede vermeintliche Penicillin-Allergie aufwendig zu überprüfen. "Denn Ärzte können vieles bereits durch genaues Nachfragen klären." Patienten wenden sich dazu am besten an einen niedergelassenen Allergologen.