Warum wir immer dicker werden

Millionen Menschen in Deutschland bringen deutlich zu viel auf die Waage. Schuld ist meist das Essverhalten. Warum es so schwierig ist, den Verlockungen zu widerstehen

von Dr. Achim G. Schneider, 01.06.2016

Lust auf Süßes: Meist bleibt es nicht bei einem Stückchen


Manche Menschen werden nie satt. Bereits als Babys schreien sie ständig nach Nahrung. Später stopfen sie alles in sich hinein, was sie bekommen können, suchen im Extremfall sogar im Müll nach Essbarem. Und selbst wenn die Gepeinigten bereits unfassbar dick geworden sind, haben sie immer das Gefühl zu verhungern.

Unbewusste Prozesse steuern Essverhalten

Die Ursache für einen derart unbändigen Esszwang sind sehr seltene, angeborene Gendefekte, die dazu führen, dass das Gehirn nie ein Sättigungssignal erhält. "Dieses extreme Beispiel zeigt, dass biologische Mechanismen unser Essverhalten steuern, die sich der bewussten Kontrolle völlig entziehen", sagt Professor Martin Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Uniklinik Ulm.

In einigen Fällen können Medikamente den Betroffenen helfen. Diese normalisieren ihr Essverhalten und entwickeln erstmals im Leben einen Sinn für Geschmack – und häufig eine Vorliebe für Süßes und Fettes.

Der Mensch jagt und sammelt Kalorien

So schrumpft das triebhafte Essen auf ein Niveau, das jeder von uns nur allzu gut kennt: Wenn wir uns etwa an der Tankstelle noch schnell einen Schokoriegel reinschieben – als brauchte nicht nur das Auto dringend Brennstoff. Oder wenn wir wieder einmal mit einer XXL-Tüte Popcorn und einer Flasche Limonade im Kino sitzen – obwohl wir uns selbst geschworen hatten, den Film ohne Kalorienbomben zu genießen. Experte Wabitsch erklärt, was sich in solchen Momenten in unseren Köpfen abspielt: "Wenn wir etwas Leckeres riechen, schmecken oder sehen, laufen die Eindrücke im Belohnungszentrum des Gehirns zusammen. Wir empfinden einen starken Drang nach diesem Nahrungsmittel."

Ein Impuls, der oft stärker ist als der Verstand. Denn die Lust auf Süßes und Fettes ist tief in unserer Natur verankert. Sie trieb unsere Urahnen dazu an, möglichst viel energiereiche Nahrung zu essen, um Fettreserven für kommende Notzeiten aufzubauen. Auch heutzutage verhalten wir uns in vielen Situationen so, also drohe demnächst eine Hungersnot. Dabei leben wir seit einigen Jahrzehnten in einem nie gekannten Überfluss – mit dem viele offenbar nicht umgehen können. Rund 17 Millionen Menschen in Deutschland sind mittlerweile fettleibig.

Was ist Adipositas?

Übergewicht beginnt ab einem Körpermasseindex (BMI) von 25, Fettleibigkeit ab einem BMI von 30. Der Wert ergibt sich aus dem Verhältnis von Körpergewicht zur Körpergröße im Quadrat. Er liefert einen groben Anhaltspunkt für erhöhte Risiken, etwa für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf- sowie bestimmte Krebserkrankungen. Ihren BMI können Sie hier berechnen.

 

Allerdings unterscheidet sich der Gesundheitszustand bei Menschen mit Übergewicht stark von Person zu Person. Ärztliche Untersuchungen sind nötig, um darüber zu ent­scheiden, welche Gegenmaßnahmen und Therapien notwendig sind.

Das Risiko dafür, dass im Lauf des Lebens zu große Fettpolster entstehen, ist allerdings von Person zu Person sehr unterschiedlich. Ob jemand dick wird oder nicht, hängt zu einem guten Teil von den Anlagen ab, die die Eltern vererben. Aus Familienvergleichen wissen Forscher, dass eineiige Zwillinge oft eine fast identische Figur haben und Kinder ihren Vätern und Müttern auch in Sachen Gewicht sehr ähneln. Inzwischen kennt man über hundert Gene, die mit darüber bestimmen, was die Waage anzeigt. Sklaven unserer Erbanlagen sind wir aber trotzdem nicht.

"All you can eat" als Stressausgleich

"Auch wer eine ungünstige Veranlagung hat, kann normalgewichtig bleiben. Doch für ihn ist es besonders schwer", erklärt Professor Hans Hauner, Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München. Ausnahmen sind die wenigen Menschen mit schwerwiegenden Gendefekten sowie ein – allerdings relativ geringer – Teil der Fettleibigen, die an einer therapiebedürftigen Ess-Störung oder einer anderen psychischen Krankheit leiden.

Denn auch die Seele entscheidet mit darüber, in welche Richtung unser Körpergewicht tendiert. Hauptgrund: die intensiven Gefühle, die an das Essen und Trinken geknüpft sind. Leckere Speisen gelten in unserer Gesellschaft als Genussmittel. Und so kann man die Schlemmerei im "All you can eat"-Restaurant schon mal mit dem Ausgleich für einen stressigen Arbeitstag begründen. Viele Menschen greifen zu Keksen oder Chips, wenn sie genervt, frustriert oder einsam sind. Kalorien als Seelenstreichler. Oder aber als Belohnung, als unabdingbarer Teil von Feierlichkeiten: kein Geburtstag ohne Sahnetorte, kein Weihnachtsfest ohne Ente, Blaukraut, Klöße, Plätzchen. "An den Feiertagen bleiben im Einzelfall zwei bis drei Kilo an einem hängen", sagt Experte Hauner.

Die Kilos schleichen sich heimlich an

Meist aber gibt es keinen Anlass für die Gewichtszunahme, es passiert einfach mit der Zeit. Ein Energieüberschuss von 100 Kilokalorien täglich genügt, um in einem Jahr rund fünf Kilo zuzulegen. So viele Kilokalorien stecken etwa in einem Schokoriegel oder in zwei Handvoll Kartoffelchips. Doch wer von uns hat schon einen genauen Überblick darüber, wie viele Kilokalorien er zu sich nimmt? Kaum jemand. Das legt zumindest eine Anlayse der Cornell-Universität in Ithaca (USA) aus dem Jahr 2006 nahe.

Die Teilnehmer schätzten, dass sie im Schnitt über den Tag hinweg 15 Entscheidungen rund ums Essen und Trinken treffen. Mithilfe von Fragebogen konnten die Forscher aber nachweisen: Es waren rund 200 Entscheidungen mehr, als die Testpersonen selbst glaubten. Diese machten sich einfach nicht bewusst, dass sie etwa ihren Teller ein zweites Mal gefüllt oder nach der Pizza noch eine Schokoladencreme bestellt hatten.

Portionsgrößen nehmen zu

Wir lassen uns also sehr leicht zum Schlemmen verführen – ohne eine bewusste Entscheidung für die Nahrungsaufnahme zu treffen. Deshalb sind für den Experten Hauner vor allem die unzähligen Verlockungen ein Teil des XXL-Problems: "Noch nie gab es so viele Imbisse. Da brauchen wir nur in die Innenstädte zu schauen. An jeder Ecke Bäckereien, Metzgereien, Fast-Food-Restaurants."

Das passt zum Trend, weniger selbst zu kochen und dafür schnell mal zwischendurch zu essen. Mit dem Körpergewicht sind in den vergangenen Jahren zudem die Portionsgrößen gewachsen. Die Lebensmittelfirmen stellen energiereiche Pro­dukte im Überfluss her – und bewerben diese massiv. Viele Experten kritisieren, dass das insbesondere Minderjährige zum ständigen Naschen verführe. "Kinder werden stark visuell gesteuert. Wenn sie etwa bunte Comicfiguren sehen, wollen sie das Produkt sofort haben", sagt Dr. Stefanie Gerlach, Ernährungswissenschaftlerin und Leiterin Gesundheitspolitik bei diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe.

Ist jemand stark übergewichtig, sollte er versuchen abzunehmen. Dringend. Sonst ist etwa sein Diabetesrisiko erhöht, und die Gelenke leiden. Bei Adipositas gilt die Empfehlung, das Gewicht um mindestens fünf Prozent zu senken. Doch leider arbeitet auch hier die Natur gegen uns.

Abnehmen ist wider unsere Natur

Der Körper verteidigt Reserven mit aller Macht, schaltet beim Abnehmen in den Energiespar­modus: Die Temperatur sinkt, der Stoffwechsel verlangsamt sich. Und dazu signalisieren die abgemagerten Fettzellen dem Gehirn, dass sie sich wieder füllen wollen. Wir bekommen Hunger. "Wer da nicht ständig mit seinem Willen bewusst gegensteuert, wird bald wieder sein vorheriges Gewicht haben", erklärt Wabitsch.

Und wir müssen ein langes Durchhaltevermögen haben, wie eine Studie im New England Journal of Medicine zeigt. Gesunde Erwachsene mit starkem Übergewicht stellten dabei ihren Lebensstil um und nahmen durchschnittlich 13,5 Kilo ab. Doch ein Jahr später waren sie immer noch im Hungermodus – wie sich aus dem Hormonprofil und dem auffällig hohen Appetit der Untersuchten schließen ließ. Adipöse Menschen müssen also einen eisernen Willen aufbringen, wenn sie ihr Gewicht senken wollen. Doch die Mühe lohnt sich. Bereits von ein paar Kilo weniger profitiert die Gesundheit enorm.


www.pills-generic.com/potenzmittel/viagra-100mg

link www.viagraon.com