Chancen und Risiken von Adipositas-OPs

Für fettleibige Menschen sind Magenverkleinerung oder Magenbypass oft der letzte Versuch, abzunehmen. Immer häufiger wird der Eingriff durchgeführt. Er ist aber kein Allheilmittel und kann die Psyche belasten

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 28.07.2016

Blick auf die Waage: Für viele Übergewichtige eine psychische Belastung


Extrem übergewichtige Menschen tragen nicht nur körperlich schwer an ihrer Leibesfülle. In vielen Situationen, ob am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld, werden sie diskriminiert. Deutlich mehr als die Hälfte ist depressiv verstimmt. Eine bariatrische Operation, wie die Adipositas-OP auch genannt wird, erscheint vielen als einziger Ausweg. Patienten hoffen nicht nur, schlanker und körperlich gesünder zu werden. Sie erwarten sich auch ein deutlich besseres Lebensgefühl. Doch lösen Magenbypass, Schlauchmagen, Magenband und Magenballon diese Versprechen überhaupt ein? Berichte über Menschen, die danach bald wieder sehr dick wurden, verunsichern ebenso wie Erfahrungen von Patienten, denen es psychisch danach noch schlechter ging als zuvor.

Zahl bariatrischer Eingriffe steigt

Seit dem Jahr 2006 hat sich die Zahl der bariatrischen Operationen in Deutschland versechsfacht. Das zeigt der Krankenhausreport der Krankenkasse Barmer GEK. Auf das ganze Land und das Jahr 2014 hochgerechnet, verzeichnet der Report 9225 solcher Eingriffe. Sieben Millionen Menschen seien wegen Adipositas bei niedergelassenen Ärzten behandelt worden, so der Krankenhausreport: 14 Prozent mehr als noch 2006.

Dr. Martin Teufel, leitender Oberarzt in der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen, beschäftigt sich intensiv mit den psychischen Auswirkungen solcher Operationen. Er sagt: "Für Menschen mit Fettleibigkeit, also Adipositas, die schon alles probiert haben, ohne wie gewünscht abzunehmen, ist die bariatrische Chirurgie eine gute Sache. Nach der Operation geht es den Betroffenen körperlich deutlich besser."

Klare Bedingungen für die OP

Es gibt jedoch klare Vorgaben, wann so ein Eingriff sinnvoll ist: ab einem sehr hohen BMI (Body-Mass-Index) von 40. Leidet ein fettleibiger Mensch zugleich an Typ 2-Diabetes, kann bereits bei einem BMI von 35 operiert werden. Dagegen schließen Ärzte die bariatrische OP für Patienten mit einer schweren Depression und ausgeprägtem Antriebsverlust aus, ebenso für Menschen mit einem stark erhöhten Selbsttötungsrisiko. In dieser Situation gilt die Operation als zusätzliche Belastung, denn das Leben verändert sich danach deutlich – und damit müssen Patienten erst einmal zurecht kommen.

Daneben sollten Patienten darauf achten, sich eine auf solche Eingriffe spezialisierte Klinik auszusuchen. 350 deutsche Krankehnhäuser bieten bariatrische Operationen an. , so der Krankenhausreport 2016 der Barmer GEK. Dort sind die Komplikationsraten nachweislich niedriger.

Honeymoon-Phase: Berauscht von der Gewichtsabnahme

Während der ersten Monate purzeln die Pfunde, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Die Betroffenen verlieren 30 bis 50 Prozent ihres Übergewichtes. "Schwierig wird es dann nach sechs bis zwölf Monaten, wenn sich die Gewichtsabnahme verkleinert und der Belohnungseffekt auf der Waage wegfällt", warnt der Tübinger Psychosomatiker. Dann brechen leicht alte Gewohnheiten hervor. Nach vier Jahren nehmen mehr als zehn Prozent der Patienten wieder zu. "Sie essen wie vor der Operation viel zu fettreich. Einige Patienten gehen dazu über, ständig zu essen, ein als Grazing bekanntes Essverhalten", erklärt Teufel. Manche trinken sogar geschmolzenes Eis oder pure Sahne, um große Kalorienmengen in ihren Minimagen zu bringen.

Herausforderungen nach der OP

Umstellungen, die Patienten zu schaffen machen können, gibt es einige. Etwa Beschränkungen beim Essen und anfangs häufig Übelkeit und Erbrechen. Nicht zuletzt, weil man erst lernen muss, seine Ernährungsgewohnheiten an das verkleinerte Verdauungsorgan oder den Magenbypass anzupassen. Ein neuer Körper kann die Gefühlswelt durcheinander bringen und die Partnerschaft verändern. Auch das Sozialleben, etwa ein Restaurantbesuch mit Freunden, wandelt sich.

Der Großteil der Patienten kommt damit gut zurecht und profitiert psychisch. Eine Studie von Teufel und Kollegen zeigte, dass Patienten mit Schlauchmagen weniger Hungergefühle haben. Sie können emotional belastenden Stress besser ausgleichen und das Essen verliert etwas von seiner fatalen Anziehungskraft.

"Aber es gibt auch Betroffene, die mit der veränderten Situation psychisch nicht klarkommen", schränkt Teufel ein. "Patienten, deren depressive Stimmung sich verschlimmert, die zu Ersatzbefriedigungen wie Alkohol greifen oder nach einer gewissen Zeit wieder an Gewicht zulegen." Entsprechend sinkt die Lebensqualität dieser Menschen. Die Operation konnte ihnen nicht helfen.

Risiko Depression

Eine der wenigen Studien hierzu stammt aus dem Jahr 2014 von der US-amerikanischen Yale Universität. Sie beschäftigte sich mit stark Übergewichtigen, die vor der bariatrischen Operation leicht depressiv waren und einen Magenbypass bekamen. Bei dieser Art der Operation wird eine Umleitung um den Magen gelegt. Danach kann man fortan wenig essen. Knapp vier Prozent der Patienten gaben an, sich ein Jahr nach dem Eingriff viel schlechter als zuvor zu fühlen. Im Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach der OP waren es noch 13 Prozent, die über eine Zunahme ihrer depressiven Symptome berichteten. Dieses Zeitfenster scheint im Hinblick auf Depressionen besonders problematisch zu sein. Die Stimmungsveränderungen gingen Hand in Hand mit einer deutlich verringerten Selbstachtung und einem eingeschränkten sozialen Leben.

Essen als Belohnung, diese seelische Funktion fällt weg. Etwa einem Prozent dieser Patienten macht das schwer zu schaffen, sie brauchen einen Ersatz. "Diese Menschen benötigen eine gezielte Vorbereitung auf den Eingriff und die Zeit nach der Operation. Sonst holen sie sich die Belohnung über Alkohol und Süßgetränke", erläutert Teufel. Bei trockenen Alkoholikern besteht die Gefahr, dass infolge der Operation und der veränderten Situation die Alkoholkrankheit neu aufflammt. Problematisch sei, so Teufel, wenn Betroffene bestehende Alkoholprobleme verheimlichen, weil sie operiert werden wollen.

Gute Vor- und Nachsorge wichtig

"Wir brauchen eine gute Vor- und Nachsorge für die Patienten", betont Teufel. Zu klären ist unter anderem: Gibt es vor der Operation erkennbare Faktoren, die psychische Probleme oder eine erneute Gewichtszunahme danach andeuten? Die Funktion, die das Essen für den betreffenden Menschen erfüllt, spielt dafür eine große Rolle. Oder hat der Patient eine Impulskontrollstörung, also ein Problem, sich vom Essen fernzuhalten? Dann sind darauf abgestimmte Strategien nötig. Ebenso wichtig: Wie viele Diäten hat der Betroffene gemacht? Und warum hat er wieder zugenommen? Welche Verhaltensweisen und emotionalen Belastungen stecken dahinter?

Gruppentherapie hilfreich

Am Ende benötigen nach Expertenmeinung etwa zehn bis 20 Prozent der Operierten ein einjähriges Nachsorgeprogramm, das weit über eine normale chirurgische Nachbetreuung hinausgeht. Fachleute verschiedener Disziplinen sollten dabei zusammenarbeiten.

Teufel setzt auf eine einjährige Gruppentherapie auf Basis von Videokonferenzen. Die Patienten sollen dabei lernen, ihr Essverhalten zu steuern und mit ihrem neuen Körper klarzukommen. Insbesondere Patienten mit zu Beginn deutlichen Symptomen einer Depression profitieren von dieser Form der Nachsorge. Das macht sich auch bei der Gewichtsabnahme positiv bemerkbar. Teufels Fazit: "Die Adipositas-Operation ist kein einfacher Weg zum Wunschgewicht. Jeder Patient muss aktiv mitwirken. Zu denken, Ärzte, macht mal und dann ist alles gut, führt nicht zum Ziel." Er rät, sich für so einen Eingriff, an ein zertifiziertes Zentrum für Adipositaschirurgie zu wenden.


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