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So schützt Jod vor radioaktiver Strahlung

Sicherheitsbedenken bei Atommeilern: Belgien will vorsorglich die Verteilung von Jod ausdehnen. Auch hierzulande fordern Politiker das. Was bringt Jod eigentlich gegen Strahlung?

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 29.04.2016
Frau nimmt Tabletten mit einem Glas Wasser ein

Jodtabletten können Sie je nach Präparat schlucken oder in einem Glas Wasser auflösen


In belgischen Atomkraftwerken sind in der Vergangenheit immer wieder Pannen aufgetreten. Die Regierung des EU-Landes kündigte nun an, ab kommenden Jahr die Jodversorgung für die Bevölkerung auszuweiten. Das fordern auch Vertreter der Region Aachen für die eigenen Bürger. Die Stadt liegt nur rund 70 Kilometer vom belgischen Kraftwerk Tihange entfernt, wäre bei einem nuklearen Unfall also auch betroffen.

Jod reichert sich in der Schilddrüse an

Warum soll ausgerechnet Jod vor radioaktiver Strahlung schützen? Die menschliche Schilddrüse benötigt das Spurenelement, um die für den Körper wichtigen Schilddrüsenhormone zu produzieren. In der Regel nehmen wir die dazu benötigte Menge von 180 bis 200 Mikrogramm für Jugendliche und Erwachsene über die Nahrung auf.

In Atomkraftwerken entstehen mehrere radioaktive Varianten (Isotope) von Jod. Bei einem atomaren Unfall können diese über Nahrung, Atemluft und in seltenen Fällen über die Haut in den Körper gelangen. Dort wird es wie gewöhnliches Jod in der Schilddrüse gespeichert und verstrahlt die umliegenden Zellen. Krebs kann die Folge sein.

Prof. Dr. med. Dr. rer. medic. Lutz S. Freudenberg

Warum bei einem Atomunfall Jod schlucken?

Die Einnahme von Kaliumjodidtabletten verhindert die Speicherung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse. Unsere Schilddrüse kann nur eine begrenzte Kapazität an Jod aufnehmen. "Bei einem nuklearen Unfall nimmt man gezielt so viel Jod zu sich, dass die Schilddrüse kein weiteres aufnehmen kann", erklärt Professor Dr. Lutz Freudenberg, Nuklearmediziner in Grevenbroich. Das bezeichnet man als Jodblockade. Das radioaktive Jod setzt sich nicht in der Schilddrüse fest. Es wird über die Nieren ausgeschieden und richtet weniger Schaden an. Allerdings schützen die Jodtabletten nicht vor anderen radioaktiven Stoffen.

Erwachsene benötigen eine Dosis von rund 130 Milligramm Kaliumjodid, um die Schilddrüse zu blockieren. Das entspricht 130.000 Mikrogramm und ist ein Vielfaches der empfohlenen täglichen Jodzufuhr oder der Jodmenge, die üblicherweise im Rahmen einer ärztlichen Therapie verschrieben wird. Ohne eine akute Gefährdung oder einen triftigen medizinischen Grund sollte deswegen niemand diese Tabletten einnehmen.

Wie sollte man sich im Ernstfall verhalten?

Bei Gefahr informieren die zuständigen Behörden für Katastrophenschutz die Bevölkerung. Sie sagen, ob, wann und in welchem Gebiet die Einnahme der Tabletten notwendig ist. Sie treffen diese Entscheidung aufgrund der aktuellen Strahlenwerte.

Wie weit sich radioaktives Jod nach einem Unfall ausbreitet, hängt von mehreren Faktoren ab: Neben dem Wind spielt auch die Menge der ausgetretenen Jodisotope eine Rolle. Nach Angaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) kann bei schweren nuklearen Unfällen die Einnahme von Jodtabletten bis zu einer Entfernung von hundert Kilometern sinnvoll sein.

Der richtige Zeitpunkt

Da die Wirkung der Jodblockade vom richtigen Zeitpunkt der Einnahme der Kaliumjodidtabletten abhängt, sollten diese nur nach ausdrücklicher Aufforderung der Behörden eingenommen werden. "In einem Zeitfenster von 24 Stunden vor oder wenige Stunden nach dem Kontakt mit radioaktivem Jod", sagt Freudenberg. Die Jodblockade wirkt am effektivsten, wenn die Tabletten kurz vor oder während dem Kontakt mit radioaktivem Jod geschluckt werden.

Wer sie zu früh schluckt, bei dem hat sich der Jodspeicher der Schilddrüse bereits wieder geleert, wenn der Körper den gefährlichen Isotopen ausgesetzt ist. Wer sie dagegen zu spät einnimmt, bei dem kann sich das radioaktive Jod in der Schilddrüse anreichern.

Da die Schilddrüse Jod nur zeitlich begrenzt speichert, macht es wenig Sinn, vorsorglich große Mengen an Jod zu sich zu nehmen. Im Zweifelsfall kann das sogar schädlich sein: "Viele Menschen in Deutschland haben eine leichte Schilddrüsenüberfunktion. Wenn sie zu viel Jod zu sich nehmen, kann sich die Überfunktion noch verstärken", warnt Freudenberg. Eine gesunde Schilddrüse hält eine kurzzeitige Überdosis jedoch meist problemlos aus.

Wer sollte im Ernstfall Jodtabletten einnehmen?

Generell sollen Menschen bis zu einem Alter von 45 Jahren bei einem Atomunfall hochdosiertes Jod schlucken. Besonders wichtig ist dies für Kinder. Während der Wachstumsphase ist die Schilddrüse besonders aktiv und nimmt entsprechend viel Jod auf.

Zudem empfiehlt sich die Einnahme der hochdosierten Jodtabletten im Ernstfall für Schwangere, auch um den Fötus zu schützen. Etwa ab der zwölften Schwangerschaftswoche nimmt die Schilddrüse eines ungeborenen Kindes Jod auf. Aber auch hier gilt: Genau nach Vorgabe, nicht in Eigenregie!

Menschen über 45 rät die Strahlenschutzkommission dagegen zum Verzicht auf Kaliumjodidtabletten. Mit dem Alter steigt nämlich die Wahrscheinlichkeit von unerwünschten Nebenwirkungen, etwa einer funktionellen Autonomie der Schilddrüse. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass radioaktives Jod das Schilddrüsengewebe schädigt. "Ab 45 Jahren ist das Risiko einer Überfunktion durch das zusätzliche Jod letzten Endes größer als das einer Strahlenerkrankung", sagt der Nuklearmediziner Freudenberg.

Das gleiche gilt für Menschen, die an einer Überfunktion der Schilddrüse leiden. Sie sollten vor der Einnahme besser mit ihrem Arzt sprechen. "Letztlich ist es eine Frage der Risikoabwägung, wer im Notfall Jodtabletten nimmt und wer besser nicht", meint Freudenberg.


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