Keine Angst vor Konflikten!

Sie zu meistern kostet Kraft, sie sind unangenehm und werden deshalb gern vermieden. Warum es sich trotzdem lohnt, Konflikte zu lösen

von Ingrid Kupczik, aktualisiert am 09.05.2016

Situation mit Konfliktpotenzial: Dennoch traut sich meist keiner, etwas zu sagen


Wie sag ich’s meinem Kollegen, dass mir sein lautes Telefonieren regelmäßig auf die Nerven geht? Meiner Ehefrau, dass der Seidenblumenstrauß auf der Kommode fürchterlich aussieht? Meiner Schwiegermutter, dass wir das nächste Weihnachtsfest am liebsten auf den Kanarischen Inseln verbringen würden – und zwar ohne sie? Am besten sage ich … gar nichts.

"Die meisten Menschen sind eher konfliktscheu", konstatiert der Berliner Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger. Drohende Auseinandersetzungen machen Angst, Streiten ist unangenehm. Konfliktlösung strengt an: "Ich muss mir über meine eigenen Bedürfnisse im Klaren sein, aber auch über die Reaktionen des Gegenübers", erklärt Krüger. Welches Bild wird der gute Freund oder langjährige Kollege von mir haben, wenn ich sage, was ich wirklich denke? Wird er mich trotzdem noch mögen?

Raus aus der Komfortzone

Es erfordere Mut, die eigene Sicherheits- und Komfortzone zu verlassen, betont Krüger: "Deshalb wird der Ärger oft viel zu lange unterdrückt." Aus Angst vor den eigenen hochfahrenden Gefühlen, dem hässlichen Gesicht, dass man dem Gegenüber offenbart, der befürchteten Ablehnung wird die Konfliktklärung immer wieder hinausgezögert. "Wenn das Fass dann irgendwann überläuft, können wir uns nicht mehr angemessen verhalten", sagt Krüger.

Nun aber tritt oft ein, was eigentlich peinlichst vermieden werden sollte: Schuldzuweisungen, Verallgemeinerungen, persönliche Kränkungen – Nahkampfwaffen, die seelische Narben hinterlassen und der Beziehung erheblich schaden können.

Die Bereitschaft zum Streiten ist nach Erkenntnis der Wissenschaftler individuell unterschiedlich und offenbar auch genetisch beeinflusst. Gemäß dem "Big Five"-Modell der modernen Persönlichkeitspsychologie ist "Verträglichkeit" einer von fünf eigenständigen, sehr stabilen und kulturunabhängigen Faktoren der Persönlichkeit.

"Manche Menschen mögen einfach nicht streiten, andere hingegen empfinden es sogar als lustvoll", sagt Dr. Philipp Yorck Herzberg, Professor für Psychologie an der Universität der Bundeswehr, Hamburg.

Einfluss der Kindheit

Die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, wird durch Erfahrung und Vorbilder vermittelt. Ein Kind, das regelmäßig für Widerworte bestraft wird, lernt, dass Auseinandersetzungen sinnlos und gefährlich sind. Und wenn Eltern nur hinter verschlossenen Türen streiten oder nach verbalen Scharmützeln tagelang nicht miteinander reden, wird das Kind kaum lernen, dass sich widerstreitende Interessen aushandeln und ausgleichen lassen. "Unser Konfliktlöseverhalten als Erwachsener stammt oft aus längst vergangenen Zeiten. Ein Verhaltensmuster, das damals sinnvoll war, ist heute womöglich untauglich", sagt Herzberg.

In einer Studie hat er untersucht, wie Paare Konflikte lösen. Er beobachtete Ehepartner bei der Urlaubsplanung, einem Thema mit erheblichem Streitpotenzial: Wellness oder Wandern, Strand oder Stadterkundung? Nicht schon wieder Mallorca! Der Psychologie-Professor erkannte vier typische Strategien der Konfliktlösung, von denen drei offenbar ungünstig für die Beziehung sind:

  • Erstens der kämpferische Streit, bei dem es um Macht und die Durchsetzung der eigenen Vorstellungen geht, notfalls auch mit Attacken unter die Gürtellinie.
  • Zweitens der schnelle Rückzug in die Schmollecke, ohne seine Wünsche deutlich gemacht zu haben.
  • Und drittens die übergroße Nachgiebigkeit um des lieben Friedens willen.

Gemeinsam nach einem Kompromiss suchen

Nur die vierte Strategie, die gemeinsame Suche nach einem Kompromiss, brachte eine schnelle und beiderseits zufriedenstellende Einigung. Zum Beispiel: diesen Sommer Wandern im Wallis, im nächsten Jahr zur Ayurveda-Kur nach Sri Lanka. Paare, die zu dieser Form der Konfliktlösung fähig waren, zeigten sich insgesamt zufriedener mit ihrer Beziehung als die anderen Paare.

Konflikte mit guten Freunden sind eine Sache für sich. Da spricht man offen über ganz Persönliches, weiht die beste Freundin in die intimsten Geheimnisse ein, wird aber bei Unstimmigkeiten seltsam wortkarg. Unter Freunden sei Konfliktvermeidung die verbreiteste Reaktion, hat die kanadische Sozialpsychologin Beverly Fehr festgestellt – obwohl die offene und konstruktive Aussprache am ehesten zu einer schnellen und befriedigenden Lösung führen würde.

Die Sehnsucht nach Harmonie

"Wir sehnen uns nach Harmonie, deshalb versuchen wir kritische Themen zu umgehen", sagt der Berliner Psychotherapeut Krüger und nennt ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Eine Freundin, mit der er sich gelegentlich zum Essen trifft, machte sich eine Zeit lang immer genau dann auf den Weg zur Toilette, wenn es ans Bezahlen ging. "Wie selbstverständlich übernahm ich die Rechnung, und sie bedankte sich jedes Mal ganz herzlich für die Einladung."

Irgendwann reichte es, und Psychologe Krüger erklärte der Freundin, dass ihr Verhalten ihn ärgere und dass die Freundschaft Schaden nehme, wenn es so weitergehe. "Seitdem machen wir halbe-halbe und die Luft ist raus." Für diesen Vorstoß habe er aber einige Zeit gebraucht. "Es fällt manchmal schwer, die passende Situation und Stimmung zu finden, um das Problemthema so anzusprechen, dass man sich dabei gut und verstanden fühlt." Dann aber könnten Konflikte die Freundschaft bereichern.

Wie löst man Konflikte richtig?

In Ich-Botschaften sprechen, lautet ein gängiger Tipp in der einschlägigen Ratgeberliteratur: Liebling, ich merke, dass ich mich zu ärgern beginne, weil du die Gartenlampe noch nicht repariert hast. "Unsere Erfahrung ist: Das ist eher etwas für Sozialpädagogen, aber nicht für die breite Masse. Ich-Botschaften wirken meist künstlich und eingeübt", findet Herzberg. Wer sich ärgere, müsse sich auch Luft machen dürfen.

Ohnehin ist es nach neueren Erkenntnissen der Gesundheit abträglich, seinen Ärger herunterzuschlucken. Also darf es schon mal so klingen: "Kannst du nicht endlich diese verdammte Gartenlampe reparieren? Ich breche mir noch die Füße!" Da darf dann auch der Schallpegel in die Höhe schnellen.

Entscheidend ist, dass man hinterher über den Ärger spricht und gemeinsam herausfindet, worum es wirklich geht. Hilfreich sei dabei der Perspektivwechsel, sagt Experte Herzberg. Im Rahmen seiner Studie hatte er den Ehepaaren Videoaufzeichnungen ihrer Konfliktgespräche gezeigt und für manche Überraschung gesorgt. "Vielen war gar nicht bewusst, wie aufgebracht sie gewesen waren." Und mancher konnte nun nachempfinden, dass der Partner nicht auf den Inhalt des Gesagten (Beispiel Gartenlampe: Das Teil muss dringend repariert werden, sonst verletze ich mich womöglich), sondern auf den gleichzeitig mitschwingenden Ärger oder Vorwurf reagiert hatte: Wie redest du eigentlich mit mir!?


www.steroid-pharm.com

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