Heilen durch Kunst

Kreativität hilft, einen Zugang zum Inneren zu finden und auszudrücken, was durch Worte nicht möglich ist. Die Kunsttherapie nutzt das gezielt, um Patienten zu helfen

von Sonja Gibis, 23.02.2018
Sandkunst

Kreative Tritte: Der Künstler Simon Beck schuf dieses monumentale Kunstwerk


Es war ein sonniger Tag im Dezember 1994, als drei Hobbyhöhlenforscher der Atem der Urzeit anwehte. Jean-Marie Chauvet, Eliette Brunel und Christian Hillaire erkundeten im französischen Ardèche-Tal gemeinsam die Kalksteinfelsen – da streifte sie ein Luftzug. Irgendwo musste ein Eingang sein. Sie räumten Geröll beiseite, folgten Tunneln und Tropfsteinhöhlen.

Bis ihnen bei dem, was sie im Licht ihrer Stirnlampen erblickten, die Stimme versagte. Über die Steinwände galoppierten Wildpferde, Rücken mächtiger Bisons wölbten sich über Felsbuckel, daneben lauerte ein Rudel Höhlenlöwen – ein Panoptikum der Tiere, die in Urzeiten das Flusstal durchstreiften.

Wissenschaftler schätzen das Alter der Malereien auf etwa 32 000 Jahre. Archäologen sprechen gerne von der "Sixtinischen Kapelle der Steinzeit", wenn von den Höhlen von Chauvet die Rede ist. Die Malereien hier gehören zu den frühsten Zeugnissen eines uralten menschlichen Bedürfnisses: künstlerisch zu gestalten. 

Höhlenmalerei

Der Ursprung von Kunst: Alltag oder Magie?

Doch was trieb die Menschen der ­Urzeit dazu, Felswände mit Bildern zu überziehen – nicht nur im Ardèche-Tal, sondern an vielen Orten Europas? Über diese Frage wurde viel spekuliert. Zumal sie direkt an eine weitere knüpft: an die nach dem Ursprung der Kunst überhaupt.

Die abgebildeten Löwen, Nashörner, Pferde waren ersehnte Beute oder gefährliche Jagdkonkurrenten. Deshalb beherrschten sie die Gedanken der Eiszeitmenschen.

Und vielleicht lag für unsere Ahnen auch etwas Magisches darin, aus Kohlenstaub und roter Tonerde ein Mammut vor sich entstehen zu lassen. "Indem man etwas abbildet, bannt man seine Macht, man gewinnt eine gewisse Verfügungsgewalt darüber", erklärt Professor Karlheinz Lüdeking, Kunsthistoriker an der Universität der Künste in Berlin.  

Einige Forscher sehen in den Höhlen einen Ort für Jagdzauber oder schamanistische ­Rituale. "Das Reich der Kunst grenzt seit je an das des Heiligen", sagt Experte Lüdeking. Beide sind dem Alltag enthoben. Zum Gegenstand haben sie oft das, was den Verstand übersteigt. Das Erschreckende zum Beispiel. Oder das Unverständliche. Kunst diene zudem als "sozialer Klebstoff". Das Abbild eines Gottes zeigt, welcher Re­­li­gion ich angehöre, eine Herrscherstatue, welcher Nation. Nur schön sein? Die Aufgabe von Kunstwerken ging schon früh darüber hinaus.

Schneekunst

Der Mensch ist von Geburt an kreativ

Doch was ist mit dem Kind, das in spielerischer Versenkung erste Striche zeichnet? Oder der Rentnerin, die im Landschaftsmalen ihre Leidenschaft entdeckt? "Jeder Mensch ist ein Künstler", lautete das Motto des exzentrischen Künstlers Joseph Beuys, der damit auf Kollisionskurs mit dem bürgerlichen Kunstbegriff ging.

Der Drang, etwas zu gestalten, beschränkt sich jedenfalls keineswegs auf einzelne Genies. Der Heidelberger Psychoanalytiker Professor Rainer Matthias Holm-Hadulla sieht in der Kreativität nichts weniger als "eine Lebensaufgabe". Kreativ ist für ihn jeder Mensch – von Anfang an. Schon wenn der Säugling erstmals mit seiner Umwelt konfrontiert wird, speichert er die Reize nicht nur ab. "Er komponiert sich daraus seine Welt", so der Forscher.

Selbst die Liebe gelingt laut Holm-Hadulla langfristig nur mithilfe von Kreativität. "Liebende finden nicht einfach die Richtige oder den Richtigen." Das Glück gelingt nur, indem sie es täglich neu gestalten. Das bedeutet auch, Spannungen auszuhalten – wie bei jedem kreativen Prozess. Doch wer diese überwindet, wird belohnt. Etwas zu gestalten macht stolz, bringt Anerkennung und fördert zudem die innere Balance. 

Kohärenzgefühl: Kunst erzeugt Sinnhaftigkeit

Untersuchungen zufolge erhöht es das "Kohärenzgefühl": das Empfinden, Teil eines sinnvollen Zusammenhangs zu sein. Viele Psychologen sehen darin eine entscheidende Grundlage für Glück. Leider fehlt im Alltag vieler Erwachsener das, was Kreativität am dringendsten braucht: Zeit. Für neue Ideen müssen die Gedanken erst einmal frei fluten. Studien zeigen zum Beispiel: Wer zum Tagträumen neigt, kommt eher auf originelle Gedanken.

Raum geben viele Menschen ihrem kreativen Bedürfnis aber erst, wenn etwas aus ihnen herausdrängt. Es ist ein oft zitierter Gedanke, dass große Kunst nur aus Leiden entsteht. In Krisen beginnen auch Menschen, die sich nie zum Künstler berufen fühlten, kreativ zu werden. Sie schreiben, malen, fassen ihre Gedanken in Verse. Als fühlten sie, dass sich die innere Unordnung leichter lösen lässt, indem man künstlerisch gestaltet.

Stern aus Eiszapfen

Kunsttherapie als Zugang zum Inneren

Genutzt wird die heilsame Wirkung der Kreativität daher auch bei seelischen Problemen. Die Kunsttherapie will Patienten in belastenden Situa­tionen helfen, durch das Gestalten eine neue Sicht zu erhalten. Sich darauf einzulassen ist anfangs nicht für jeden einfach. "Oh nein, malen konnte ich noch nie!" Solche abwehrenden Kommentare von Patienten hört Constanze Schulze, Professorin an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg, häufig.

Doch bei der Kunsttherapie geht es nicht um künstlerische Begabung oder gar Leistung. Es geht darum, einen Zugang zu seinem Inneren zu finden, der über Wörter allein nicht möglich ist. "Auch Bilder sind eine Sprache", so die Therapeutin. In ihrer Mehrdeutigkeit und Nähe zum Gefühl können sie eine Brücke zu Erkenntnissen sein, zu denen rein vernunftbestimmtes Denken nicht dringt. Schulze selbst arbeitet unter anderem mit Schmerzpatienten. "Sie haben oft Probleme, ihren Körper wahrzunehmen und insgesamt ihre Wahrneh­mungen zu beschreiben." Über Bil­der sei das häufig erstaunlich schnell wieder möglich.

Lösungen entdecken, die bereits im Inneren schlummerten

"Es geht dabei darum, sich auf den Prozess einzulassen", erklärt die Kunsttherapeutin. Zum Beispiel bei einem sogenannten Blindporträt. Statt beim Zeichnen zwischen Modell und Papier hin und her zu blicken, versenkt sich der Gestaltende ganz ins Wahrnehmen des anderen und lässt die Hand ohne hinzusehen über das Papier gleiten.  

Wichtig ist am Ende nicht nur, was auf dem Papier zu sehen ist. Was habe ich erlebt? Was hat mich angeregt? Gemeinsam mit dem Therapeuten werden Assoziationen gesammelt, ähnlich wie bei der Traumdeutung. Schulze: "Manchmal entdeckt man Lösungen, die bereits im Inneren schlummerten."

Ein Weg zu überraschenden Erkenntnissen ist Kreativität aber nicht nur in Krisen. Und man muss dafür nicht einmal selbst zum Pinsel greifen. "Auch sich mit Kunst zu beschäftigen ist kreativ", sagt Schulze. Ob beim Gang durch ein Museum oder beim Lesen eines Buchs: Wer sich auf Kunst einlässt, wird auch Neues in sich selbst entdecken.


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