Ohrgeräusche (Tinnitus): Diagnose

Halten die Geräusche in Ohr und Kopf länger als ein bis zwei Tage an, ist der Arzt gefragt. Wie der Arzt vorgeht, um eventuelle Störungen zu finden, die mit dem Tinnitus zusammenhängen könnten

aktualisiert am 19.03.2018

Erste Untersuchungsschritte: Mit dem Ohrmikroskop sieht sich der HNO-Arzt Gehörgang und Trommelfell an


Wenn das ständige Pfeifen, Rauschen oder Summen länger als ein, zwei Tage anhält, sollten Sie einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO) aufsuchen.

Häufige Untersuchungen bei Ohrgeräuschen

Zunächst stellt der Arzt seinem Patienten eine Reihe von gezielten Fragen, um sich einen ersten Überblick über Art und Intensität des Tinnitus, das Hörvermögen und Gleichgewicht des Betroffenen zu verschaffen.

Unter anderem schildern Sie dann, in welcher Situation die Ohrgeräusche erstmals auftraten und wie sich die Töne anhören. Die weitere Krankengeschichte – wichtige Punkte hier: frühere oder aktuelle Erkrankungen und Eingriffe sowie Medikamentenbehandlungen – und das Gespräch liefern dem Arzt oft schon Hinweise, in welche Richtung er weiter suchen oder behandeln könnte.

Der HNO-Arzt untersucht Gehörgang und Trommelfell mit dem Ohrmikroskop, um eventuell bestehende sichtbare Veränderungen erkennen zu können. Auch Nasen- und Rachenraum betrachtet er eingehend. Klagt der Patient über ein pulsierendes Ohrgeräusch, hört der Arzt das Ohr und die Halsschlagader auf der entsprechenden Seite ab, außerdem auf der Gegenseite.

Häufig überprüfen Mitarbeiter des HNO-Arztes anschließend das Hörvermögen des Tinnitus-Patienten. Für das sogenannte Audiogramm setzt sich der Betroffene in einem abgeschirmten Raum Kopfhörer auf und hört sich nacheinander verschiedene Töne an, die erst für das eine, dann für das andere Ohr eingespielt werden. Mit einem Knopfdruck signalisiert er, wann er den Ton gehört hat. Die Lautstärke wird meist in 5-Dezibel-Schritten so lange erhöht, bis sich die Hörschwelle festlegen lässt. Diese zeigt an, bei welcher Tonhöhe (Frequenz in Hertz = Hz) und bei welcher Lautstärke (Schalldruckpegel in Dezibel = dB) der Patient ein akustisches Signal gerade noch hört.

Psychische Belastungen bei Tinnitus ernst nehmen

Wenn Sie einen chronischen Tinnitus haben, kann es sinnvoll sein, nach einer HNO-Untersuchung auch mit einem psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten (Facharzt für Psychosomatische Medizin) über Ihre Tinnitus-Problematik zu sprechen – vor allem, wenn Sie die Ohrgeräusche als besonders störend oder gar quälend empfinden.

Das Gespräch dreht sich dann darum, wie belastend die anhaltenden Töne sind, ob Konzentrationsstörungen oder Probleme mit dem Ein- und Durchschlafen vorliegen, inwieweit Sie sich entspannen können, ob Sie sich wegen der Ohrgeräusche um Ihre Gesundheit sorgen oder oftmals niedergeschlagen sind.

Hilfreich dafür ist der standardisierte Tinnitus-Fragebogen von Professor Gerhard Goebel und Professor Wolfgang Hiller, der in einer Kurzform als "Tinnitus-Test" auf der Homepage der Deutschen Tinnitus-Liga Auskunft über Ihren Leidensdruck gibt (siehe Link im Eingangskapi "Tinnitus richtig behandeln: Übersicht – Hintergrund, Auslöser").

Den Ohrgeräuschen auf der Spur: Spezielle HNO-Untersuchungen

Mit speziellen und sehr komplizierten Messverfahren lässt sich bei Bedarf die Hörschwelle darüber hinaus objektiv – also auch ohne Mitarbeit des Patienten – messen. Dazu gehört etwa die Messung otoakustischer Emissionen, die Aufschluss über die Innenohrfunktion (Gehörorgan) geben kann. Spezielle Mikrofone fangen hier die Töne auf, die die Hörzellen vom Innenohr wieder in den Gehörgang zurücksenden, wenn Schall auf sie trifft.

Einen weiteren möglichen Untersuchungsschritt stellt die Tinnitusanalyse dar. Damit der Arzt Frequenz und Intensität des Tinnitus bestimmen kann, vergleicht der Tinnitus-Betroffene verschiedene eingespielte Töne mit seinem eigenen Ohrgeräusch. Ein anderer Test zeigt, ob sich die Töne im Ohr durch andere Geräusche oder Töne verdecken beziehungsweise "maskieren" lassen. Dabei stellt der Untersucher Intensität und Frequenz der überdeckenden akustischen Phänomene fest.

Lesen Sie mehr zu Hörprüfungen und Untersuchungen im Ratgeber "Schwerhörigkeit".

Um bei entsprechendem Verdacht einen am Gehörnerv auftretenden, seltenen Tumor (in der Regel gutartig) oder eine entzündliche Erkrankung des Hörnervs ausschließen zu können, misst der HNO-Arzt zudem die Aktivitäten der am Hörvorgang beteiligten Nerven. Das geschieht mit der Hirnstammaudiometrie (BERA = brainstem evoked response audiometry = Messung der Hörnervenleitgeschwindigkeit). Bei einem krankhaften Befund wird sich eine Magnetresonanztomografie anschließen, um das Gewebe genauer abzubilden und eine Diagnose zu stellen.

Eine Computertomografie kann zum Beispiel einen möglichen Krankheitsprozess im Bereich der den Mittel- und Innenohrraum umgebenden Schädelknochen (Schläfen- und Felsenbein) aufspüren.

Andere weiterführende Untersuchungen zur Abklärung von Tinnitus

Für einige wenige Tinnitus-Betroffene kann der Arzt eventuell noch weitere Diagnoseschritte als sinnvoll erachten. Das hängt jedoch ganz davon ab, was die ersten grundlegenden Untersuchungen und Tests ergeben haben.

Möglicherweise zieht der HNO-Arzt noch andere Spezialisten hinzu wie einen manualtherapeutisch ausgebildeten Arzt, der die Halswirbelsäule überprüft, oder einen Neurologen, der Gehirn und Nervenfunktionen, unter anderem das Gleichgewicht, näher untersucht.

Blutanalysen, Herz-und-Kreislauf-Tests oder Ultraschallaufnahmen (Dopplersonografie) der Ohr und Gehirn versorgenden Arterien können mitunter für die Eingrenzung eines pulsierenden Tinnitus (Fachbegriff: pulsatiler oder pulssynchroner Tinnitus, synchron mit dem Pulsschlag) aufschlussreich sein.

Dabei erhobene Befunde können bei dringendem Krankheitsverdacht durch eine Angiografie, eine Angio-Computertomografie (Angio-CT) oder eine Angio-Magnetresonanztomografie (Angio-MRT) präzisiert werden. Die Abkürzung "Angio-" verweist auf die Blutgefäße.

Manchmal sind ergänzende zahnärztliche und kieferorthopädische Untersuchungen empfehlenswert.