Myasthenie

Bei einer Myasthenie ist die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskeln gestört. Typisches Symptom ist eine belastungsabhängige Muskelschwäche

von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 12.11.2014

Hängendes Augenlid, Doppelbilder, Muskelschwäche – diese Symptome können auf eine Myasthenie hindeuten


Bei einer Myasthenie (übersetzt: Muskelschwäche) funktioniert die Signalübertragung vom Nerv auf den Muskel nicht mehr richtig.

Wie erreichen Nervensignale den Muskel?

Die Übertragung von Nervenimpulsen auf den zugehörigen Muskel erfolgt an der sogenannten motorischen Endplatte (siehe Grafik): Erreicht ein elektrischer Nervenimpuls das Nervenende, kommt es zur Ausschüttung des Überträgerstoffes Acetylcholin (ACh). Dieser Signalstoff "wandert" durch den Spalt zwischen Nerv und Muskel – und bindet an entsprechende ACh-Rezeptoren am Muskel. Das löst eine Kontraktion dieses Muskels aus. Der Muskel zieht sich zusammen.

Anschließend löst sich das ACh wieder von den Rezeptoren. Ein Enzym, die Cholinesterase, baut den Signalstoff ab und die Nervenenden nehmen ihn wieder auf. Dort wird ACh wieder zusammengebaut und steht nach einiger Zeit wieder zur Verfügung.

Verschiedene Krankheiten führen zu einer Störung dieser sogenannten neuromuskulären Erregungsübertragung. Am häufigsten ist die Myasthenia gravis, deutlich seltener ist das Lambert Eaton-Syndrom. Äußerst selten kommen verschiedene angeborene myasthene Syndrome vor.

Was ist die Ursache einer Myasthenie?

Bei einer Myasthenia gravis bildet der Körper Antikörper, die an den ACh-Rezeptor des Muskels binden können – so wie der Signalstoff ACh. Doch die Antikörper sind nicht in der Lage, eine Muskelkontraktion auszulösen. Kommt ein Nervenimpuls an, konkurriert der "echte" Signalstoff ACh mit den Antikörpern um die ACh-Rezeptoren.

Je mehr ACh vorhanden ist, desto eher findet es dort Platz. Allmählich wird das ACh wieder abgebaut, die Antikörper bleiben. So nimmt nach einiger Zeit die Menge an ACh im Verhältnis zu den Antikörpern ab. Das macht sich durch eine abnehmende Muskelkraft bemerkbar. Nach einer bestimmten Phase der Erholung ist wieder mehr Signalstoff ACh einsatzbereit und die Muskelkraft ist wieder vollständig vorhanden.

Warum bildet der Körper die Antikörper?

Voraussetzung für die Erkrankung ist eine gewisse Veranlagung. Eine zentrale Rolle für die Ausbildung der Antikörper spielt der Thymus. Er sitzt hinter dem oberen Teil des Brustbeines und gehört zu den Organen des Immunsystems. Ein Großteil der Betroffenen mit Myasthenie zeigt Auffälligkeiten am Thymus. Bei 15 Prozent dieser Fälle sind Tumoren des Thymus (Thymome) nachweisbar, die gutartig oder bösartig sein können.

Was sind typische Beschwerden bei einer Myasthenie?

Klassisches Symptom ist eine belastungsabhängige und schmerzlose Muskelschwäche, die meist gegen Abend zunimmt und nach einer gewissen Erholungsphase wieder weggeht. Oft sind nur die äußeren Augenmuskeln betroffen (okuläre Myasthenie). Typische Beschwerden sind Doppelbilder nach längerem Lesen oder ein herabhängendes Augenlid.

Bei einer sogenannten generalisierten Myasthenie können alle Skelettmuskeln beteiligt sein. Typischerweise sind das die stammnahen Muskeln von Armen und Beinen, aber auch die Muskeln, die für das Sprechen und Schlucken zuständig sind. Betroffene haben zum Beispiel Schwierigkeiten, Wäsche aufzuhängen oder Dinge über Kopf einzuräumen. Auch das Aufstehen aus einem Sessel oder Treppensteigen kann Probleme bereiten.

Prognostisch ungünstig ist eine Beteiligung der Muskulatur der Schlundes und der Atemmuskulatur (bulbäre Muskulatur). Signale für diese Form einer Myasthenie sind Schwierigkeiten beim Kauen von harten oder zähen Speisen, häufiges Verschlucken oder eine verwaschene Sprache. Störungen der Atmung können sich in Form einer schwachen, tonlosen Stimme ankündigen, in einem schwachen Hustenstoß oder in einem häufigen Zwischenatmen beim Sprechen. Bei dieser Erkrankungsform besteht ein erhöhtes Risiko für eine sogenannte myasthene Krise: Sie gefährdet Betroffene durch eine Atemlähmung und schwere Schluckstörungen. Auslöser einer myasthenen Krise können eine unzureichende Behandlung, akute Infekte oder bestimmte Medikamente sein.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Zur Diagnose kommt der Arzt meist durch das typische Beschwerdebild. Neurophysiologische Tests wie Elektromyografie (EMG) und Elektroneurografie (ENG) können den Befund erhärten. Mit Hilfe von Blutuntersuchungen auf bestimmte Antikörper kann man die Krankheit klassifizieren. Aus dem Vorhandensein oder Fehlen von Autoantikörpern können sich auch Therapieentscheidungen ableiten (zum Beispiel zur Entfernung des Thymus).

Wie sieht die Behandlung einer Myasthenie aus?

Zur Behandlung einer Myasthenie gehört es, wenn möglich, die Ursache der Erkrankung zu beheben. Sind Thymome vorhanden, sollten sie grundsätzlich in einer Operation entfernt werden. Ausnahme: Bei alten Menschen mit schweren Begleiterkrankungen ist auch eine lindernde (palliative) Strahlentherapie möglich. Unter bestimmten Umständen können auch Patienten ohne Thymom von einer operativen Entfernung des Thymus profitieren, insbesondere bei einer schweren generalisierten Myasthenie (siehe dazu Abschnitt Beschwerden). Wie wichtig diese Behandlung bei diesen Sonderfällen wirklich ist, wird allerdings unter Experten teils kontrovers diskutiert.

Ursächlich wirken auch Medikamente, die das Abwehrsystem unterdrücken. Sie können verhindern, dass das Abwehrsystem Antikörper bildet. Meist kommt dabei eine Kombination von Corticosteroiden mit Azathioprin zum Einsatz.

Wichtig sind aber auch symptomatische Behandlungsansätze. Das sind Maßnahmen, die die Symptome der Erkrankung lindern oder aufheben, ohne die Ursache zu beseitigen. Wichtigste symptomatische Therapie ist die Behandlung mit den Cholinesterasehemmern Pyridostigmin und Neostigmin. Sie verhindern den Abbau von ACh im Spalt zwischen Nerv und Muskel und erhöhen so die ACh-Konzentration.

Für schwere Krankheitsformen, die auf diese Behandlungsansätze nicht ansprechen, stehen neue Therapiemethoden zur Verfügung. Dazu gehört der Antikörper Rituximab.

Der Arzt wird mit dem Patienten individuell besprechen, welche Behandlung am besten geeignet ist.

Bei einer myasthenen Krise ist eine Intensivtherapie, oftmals mit künstlicher Beatmung notwendig. Eine Plasmapherese (eine Art "Blutwäsche") kann Antikörper aus dem Blut entfernen. Auch eine hochdosierte Behandlung mit Antikörpern kann wirksam sein.

Was ist ein Lambert-Eaton-Syndrom?

Ein Lambert-Eaton-Syndrom ist durch Antikörper gegen bestimmte Strukturen am Nervenende gekennzeichnet – sogenannte präsynaptische Kalzium-Kanäle. Die Antikörper vermindern die ACh-Ausschüttung aus den Nervenendigungen.

Diese Erkrankung tritt überwiegend begleitend zu Tumorleiden auf – am häufigsten infolge von kleinzelligen Bronchialkarzinomen. Die Symptome ähneln denen der Myasthenia gravis. Die Augenmuskeln sowie die Schlund- und Atem-Muskulatur sind allerdings nur selten betroffen, dafür aber häufiger die stammnahe Beinmuskulatur.

Cholinesterase-Hemmstoffe sind beim Lambert-Eaton-Syndrom weniger wirksam als bei einer Myasthenie. Mittel der Wahl ist hier 3,4-Diaminopyridin.

Was müssen Menschen mit einer Myasthenie beachten?

Es gibt zahlreiche Medikamente, die die Symptome einer Myasthenie verstärken können. Dazu gehören Aminoglykoside und andere Antibiotika, Betablocker, Wirkstoffe zur Entwässerung, bestimmte Psychopharmaka und Muskelrelaxanzien. Es ist wichtig, dass die Betroffenen über diese Zusammenhänge informiert sind um Komplikationen zu vermeiden.

Beratender Experte: Professor Dr. Heinz Wiendl

Professor Dr. med. Heinz Wiendl ist Direktor der Neurologischen Klinik der Wilhelms-Universität Münster. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Funktionelle Interaktion des Immunsystems mit dem Nervensystem. Er ist der federführende Verfasser der Leitlinen zur Diagnostik und Therapie der Myasthenia Gravis und des Lambert-Eaton-Syndroms. Er ist Mitglied in verschiedenen Fachgesellschaften, darunter im Vorstand der deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft.

Quellen:

Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Diagnostik und Therapie der Myasthenia gravis und des Lambert-Eaton-Syndroms, Stand September 2012, AWMF-Registriernummer 030/087

Dodel, Klockgether (Hrsg): Roter Faden Neurologie, Stuttgart Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2010

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.


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