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Essen und Krebs: Was schützt, was schadet?

Krebsdiäten schaden mehr, als sie nützen. Doch der richtige Speiseplan kann vor Tumoren schützen. Allerdings anders, als viele denken

von Sonja Gibis, aktualisiert am 12.04.2019
Frau beim Esssen

Krebsdiäten sind nicht so hilfreich, wie manche annehmen - wohl aber ein durchdachter Ernährungsplan


Krebs ernährt sich von Zucker – und das fast ausschließlich. Die Erkenntnis stammt von einem berühmten Mediziner: Otto Warburg. Bereits 1924 fand der spätere Nobelpreisträger heraus, dass sich der Stoffwechsel von Krebszellen von dem gesunder Zellen unterscheidet. Um sich zu vermehren, sind Krebszellen auf Glukose angewiesen, auf Zucker also.

Warburgs Erkenntnis ist noch immer richtig. Die Diät-Empfehlungen, die manche daraus ableiten, sind dagegen nicht nur falsch – sondern gefährlich. "Krebs lässt sich nicht aushungern, indem man auf Zucker verzichtet", erklärt Dr. Tilman Kühn, Ernährungsexperte am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Stattdessen fördern Fastenvorschrif­ten eine bedrohliche Mangel­ernäh­rung, unter der viele Tumor­patienten leiden.

Weniger ist mehr

Das Warburg-Beispiel steht für zahlreiche Ernährungsregeln, die durch Internet und Ratgeberliteratur geistern und den Krebs mal mit Tee, mal mit Himbeeren besiegen wollen. Erkenntnisse aus der Petrischale werden allzu schnell auf den Organismus übertragen, Beobachtungen von der Maus auf den Menschen.

"Die Ernährung hat durchaus Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf einer Krebserkrankung", sagt Kühn. Allerdings anders, als viele denken. So wird die bedeutendste Gefahr, die von Lebensmitteln ausgeht, in der Regel völlig übersehen: Egal ob Schnitzel oder Schokolade – sein Krebsrisiko erhöht vor allem, wer zu viel davon isst.

"Geht die Entwicklung weiter wie bisher, wird Über­gewicht als Risikofaktor das Rauchen überholen", prognos­­tiziert Professor Hartmut Bertz, Ernährungsmediziner vom Universitätsklinikum Freiburg. Experten haben mindestens 13 Krebsarten identifiziert, bei denen zu viele Kilos das Risiko erhöhen, darunter einige der häufigsten wie Darm-, Brust- und Prostatakrebs.

Gefahr durch Bauchfett

"Eine Frau mit einem Body-Mass-Index von 30 verdoppelt ihr Risiko für gynäkologische Tumore", sagt Bertz. Dieser BMI entspricht zum Beispiel 82 Kilo bei einer Körpergröße von 1,65 Metern. Derzeit gehen etwa sechs Prozent der Tumorerkrankungen auf Übergewicht zurück, schätzt das DKFZ.

Hirnscan

"Einfluss hat vor allem das Organfett im Bauchraum", erklärt Bertz. Es greift auf unterschiedliche Arten ungünstig in den Stoffwechsel ein. So produzieren die Fettzellen neben Wachstumsfaktoren, die Tumorzellen besser gedeihen lassen, das Hormon Östrogen. Dieses kann die Entstehung hormonabhängiger Tumore der weiblichen Geschlechtsorgane fördern – daher das erhöhte Risiko für Brustkrebs. Zudem werden Botenstoffe ausgeschüttet, die bei Übergewichtigen zu einer ständigen unterschwelligen Entzündung führen. Auch das begünstigt wohl die Entstehung bösartiger Tumore.

Krebs durch Alkohol, rotes Fleisch und Schimmel

Darüber hinaus haben Forscher einige Lebensmittel beziehungsweise Inhaltsstoffe entlarvt, die höchstwahrscheinlich Krebs fördern. An erster Stelle steht Alkohol, der nachweislich das Risiko für einige häufige Tumorarten erhöht. Beim Grillen, Braten und Frittieren entstehen Stoffe wie Acrylamid und Nitrosamine, die ebenfalls als krebserregend gelten. Rotes Fleisch und verarbeitete Fleischprodukte erhöhen die Gefahr, an Darmkrebs zu erkranken. Und auch verschimmelte Lebensmittel zu essen ist keine gute Idee. Zumindest wenn man nicht täglich grillt oder Salami verzehrt, ist der Einfluss all dieser Speisen laut Kühn jedoch eher gering.

Doch was ist mit dem umgekehrten Ansatz? Gibt es eine Ernährungsweise, die vor Tumoren schützt? Gibt es Anti- Krebs-Lebensmittel? Tatsächlich haben Wissenschaftler einige Inhaltsstoffe aufgespürt, die im Labor das Krebswachstum hemmen, darunter vor allem sekundäre Pflanzenstoffe wie Senföl­glykoside und Polyphenole. Ob diese isoliert und in hoher Dosis eingesetzt werden können, daran wird geforscht. "Von der Hoffnung, dass einzelne Lebensmittel eine nahezu pharma­kologische Wirkung gegen Krebs haben, ist man aber völlig weg", betont DKFZ- Experte Kühn.

Wie richtig ernähren?

Sich von Brokkoli, Rote-Bete-Saft und Zitronen zu ernähren, um Krebs vorzubeugen oder ihn zu bekämpfen, ist also wenig sinnvoll – auch wenn solche Mythen im Internet kursieren. Ein Pro­blem der Ernährungsforschung laut Kühn: Einzelne Studien haben zwar spektakuläre Ergebnisse zu bestimmten Lebensmitteln gezeigt, doch ließen sich diese in der Folge nie wiederholen. Inzwischen prüfen Wissenschaftler systematisch die Gesamtheit der Studienlage in sogenannten Meta-Analysen, was Irrtümer und falsche Schlussfolgerungen langsam verschwinden lässt.

Mehr Studien wünschen sich Experten vor allem für die Situation, in der sich die Frage nach der richtigen Ernährung verstärkt stellt: wenn Menschen mit der Diagnose Krebs konfrontiert sind.

Frau Dr. Dagmar Hauner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU München.

So beeinflusst die Ernährung das Rückfallrisiko. Eine aktuelle Überblicksstudie von Münchner Forschern zeigt zum Beispiel: Ein Speiseplan, der viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Geflügel und Fisch enthält, verbessert bei Brustkrebspatientinnen die Prognose. Wer indes viel Feinmehl­erzeugnisse, rotes und verarbeitetes Fleisch sowie Milchprodukte mit viel Fett zu sich nimmt, hat schlechtere Heilungsaussichten.

"Jeder Krebspatient sollte eine Ernährungstherapie erhalten", fordert Dr. Dagmar Hauner, Ernährungsmedizinerin am Münchner Uniklinikum rechts der Isar. Und das nicht nur, weil sich so die Prognose verbessern kann. "Es schützt die Patienten auch davor, Scharlatanen in die Hände zu fallen." Denn das Feld dubioser Ernährungs-Gurus ist riesig. Zudem haben viele Patienten den starken Wunsch, aktiv zu ihrer Heilung beizutragen. "Sie sind hochmotiviert, selbst etwas zu tun", ist Hauners Erfahrung. Auch, ihre Ernährung umzustellen.

Überflüssige Kilos nach der Therapie abbauen

Welche Kost nach einer Krebsdiagnose die richtige ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Eine Rolle spielen Alter, Krankheitsstadium, Begleiterkrankungen und die Krebsart. "Manche Tumore führen schnell zu einer starken Gewichtsabnahme", so Hauner.

Da Krebserkrankungen den Eiweißbedarf erhöhen, sollten genügend Lebensmittel auf dem Speiseplan stehen, die ihn ausgleichen. Patienten dürfen in der Regel zudem durchaus fettreich essen. Obwohl Übergewicht langfristig ungünstig ist, rät die Expertin von Gewichtsreduktion nach der Diagnose dringend ab. Erst wenn die Therapie beendet, der Krebs vorerst überwunden ist, sollte man beginnen, moderat und langsam überflüssige Kilos abzubauen.

Dr. Tilman Kühn

Ein wichtiges Ziel lautet überdies, eine häufige Begleiterscheinung einer Tumorerkrankung zu vermeiden: Mangel­ernährung. Je nach Krebsart und Therapie ist das Risiko sehr unterschiedlich, weshalb immer darauf geachtet werden sollte. Laut Kühn sollte man frühzeitig gegensteuern und unter ärztlicher Kontrolle Energie-, Protein- und Nährstoffpräparate einsetzen. "Das Potenzial ist völlig unausgeschöpft."

Trend-Diäten

Zuführen statt Entziehen heißt also die Devise. Daher sind Krebsdiäten bei Experten in der Regel schlecht angesehen. "Alle paar Jahre ploppt eine neue Ernährungsmethode auf, die Wunder verspricht", sagt Professor Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin.

Die jüngste Mode: ketogene Kost, eine kohlenhydratarme, fettreiche Ernährung. Viele Experten sehen diese kritisch. So kam es in einer Studie, die Ernährungsmediziner Bertz an Gesunden durchführte, zu einer leichten Abnahme der Muskelmasse – ein Problem, unter dem Krebspatienten ohnehin leiden.

"Wenn man das Fett und das Eiweiß vor allem aus tierischen Quellen bezieht, ist dies mit Sicherheit schädlich", ergänzt Michalsen. Und auch Expertin Hauner betont: "Bislang ist es wissenschaftlich nicht erwiesen, dass die ketogene Ernährung die Prognose verbessert."

Erste positive Ergebnisse gibt es aber zu einer anderen Methode: dem Kurzzeitfasten während der Chemotherapie, also etwa 48 Stunden davor und 24 Stunden danach. In einer Studie von Michalsen mit 34 Patientinnen, die an Brust- oder Eierstockkrebs litten, führte dies zu einer verbesserten Lebensqualität. "Vor allem die Müdigkeit, aber auch andere Nebenwirkungen waren reduziert", berichtet der Experte für Naturheilkunde.

Fastenzeit während der Chemo

Die Wirkung erklären sich Mediziner so: Gesunde Körperzellen können sich auf Hungerzeiten einstellen. "Sie gehen quasi in Winterschlaf", sagt Michalsen. Sie fahren ihre Aktivität herunter, teilen sich seltener. Die Krebszellen bleiben indes hochaktiv. Die Wirkstoffe der Chemotherapie, die Zellen vor allem während der Teilung schädigen, erwischen dann vor allem die Tumorzellen.

Ob das Kurzzeitfasten wirklich zu empfehlen ist und wem, müssen ­­allerdings weitere Studien zeigen. Vorerst warnt Mediziner Michalsen Krebspatienten davor, auf eigene Faust zu fasten: "Dabei kann man viel falsch machen." Bislang sollte man Kurzzeitfasten nur in spezialisierten Zentren, am besten unter Studien­bedingungen durchführen.

Ernährung und Krebs

Was allerdings jeder tun kann: sich ausgewogen und vollwertig ernähren. Allgemein geht man davon aus, dass eine fleischreduzierte Kost mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten der beste Weg ist, Krebs vorzubeugen oder Rückfälle zu verhindern.

"Man sollte aber den Druck rausnehmen", rät Michalsen. Ein Stück Torte hin und wieder führt sicher nicht dazu, dass der Krebs zurückkehrt. Zudem ist Essen eine Quelle von Wohlgefühl – und auch das ist wichtig, um eine schwere Krankheit zu überstehen.


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