Wie Sie Quallenverletzungen richtig behandeln

Der Kontakt mit dem Gift von Quallen kann sehr schmerzhaft sein und jucken. Welche Arten gefährlich sind, was gegen die Hautreizung hilft, wer zum Arzt muss

von Barbara Erbe, aktualisiert am 08.07.2016

Manchmal gefährlich: Quallen in seichtem Wasser, hier im Roten Meer


Im offenen Meer sind sie nahezu unsichtbar, die bis zu 20 Meter langen Nesselfäden oder auch Tentakeln einer Qualle. Wer sie aber berührt, erleidet schmerzhafte Hautverletzungen, sagt Professor Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrums für Reisemedizin in Düsseldorf. "Wer plötzlich und unerwartet mit brennenden Schmerzen konfrontiert wird und zudem nicht mehr richtig schwimmen kann, muss sofort geborgen werden, damit er nicht ertrinkt."

Zu Vergiftungserscheinungen kommt es normalerweise nur dann, wenn größere Hautstellen mit den Nesselfäden der Qualle in Kontakt kommen und damit größere Giftmengen in den Körper gelangen. "Das kann Übelkeit, Erbrechen und schockähnliche Symptome hervorrufen, aber auch Atem- und Herz-Kreislauf-Beschwerden bis hin zum Herzversagen", erklärt Jelinek. Bei schweren Quallenverletzungen können auch tiefergehende Hautschäden entstehen, die Entstellungen wie Narben hinterlassen.

Was passiert beim Haut?

In den Tentakeln (Nesselfäden) einer Qualle befinden sich sogenannte Nesselzellen. Darin wiederum gibt es Nesselkapseln, die ein giftiges Sekret enthalten. Kommt der Mensch mit den Tentakeln der Qualle in Kontakt, kann es passieren, dass die Nesselkapseln platzen und das Sekret nach außen gelangt. Das ruft die brennenden Schmerzen und Striemen, die einer Verbrennung ähneln, hervor. Normalerweise fängt die Qualle mit diesem Mechanismus Beute oder verteidigt sich.

Quallenverletzung: Was tun?

Als erste Hilfe ist es am wichtigsten, alle auf der Haut klebenden Tentakeln umgehend zu entfernen, betont Professor Dietrich Mebs, Toxikologe an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. "Denn normalerweise haben sich 80 bis 90 Prozent der darin steckenden Nesselkapseln noch nicht entladen und könnten bei weiterem Haut förmlich explodieren." Er rät dazu, die betroffenen Stellen mit Meerwasser zu übergießen. Alternativ mit Weinessig oder Rasierschaum, falls vorhanden. Auch spezielle Sonnenschutzcremes sollen helfen. Stiftung Warentest beurteilt sie aber eher kritisch. "Aber es hilft auch schon, vorsichtig Sand aufzustreuen und mit einem Messerrücken oder einer Plastikkarte anhaftende Tentakeln vorsichtig abzuschaben." Die Stelle auf keinen Fall mit Süßwasser oder Alkohol behandeln, denn das würde – ebenso wie das Abreiben mit einem Handtuch – weitere Nesselkapseln aktivieren.

Klingt die Hautreizung nach einigen Stunden nicht ab, rät Reisemediziner Tomas Jelinek, vorsichtshalber ärztliche Hilfe aufzusuchen. In leichten Fällen kann eine Antihistamin- oder Kortisonsalbe die Hautreizungen lindern. Großflächige Verletzungen sollten über einige Tage ärztlich überwacht werden.

Gefährliche Quallenarten

Je nachdem, von welcher Quallenart die Verletzung stammt, ist ein Arztbesuch aber auch sofort angezeigt. Als eher harmlos gilt die in Ost- und Nordsee ansässige Ohrenqualle (Aurelia aurita), ebenso die im Mittelmeer beheimateten Arten Lungenqualle (Rhizostoma pulmo) und Spiegelqualle (Cotylorhiza tuberculata). Sie alle verursachen lediglich Hautreizungen, die nach einigen Stunden von selbst wieder abklingen.

Gefährlicher ist die in Atlantik, Ärmelkanal sowie Nord- und Ostsee lebende gelbe Haarqualle (Cyanea capillata), die mit ihrem Gift über Hautreizungen hinaus auch Übelkeit, Erbrechen und möglicherweise Bewusstlosigkeit hervorrufen kann. Dasselbe gilt für die in Atlantik, Mittelmeer, Nordsee und Kattegat lebende Kompassqualle (Chrysaora hysoscella) sowie die zum Beispiel im Mittelmeer und im tropischen Atlantik verbreitete Leuchtqualle (Pelagia noctiluca). Eine Begegnung mit der Portugiesischen Galeere (Physalia physalis), die im Pazifik, tropischen Atlantik und in der Karibik lebt, aber auch im Mittelmeer anzutreffen ist, kann durchaus lebensgefährlich sein. Ebenso mit der vor allem im westlichen Pazifik und an der Küste Australiens beheimateten und gefürchteten Würfelqualle (auch Seewespe, wohl weltweit giftigstes Meerestier, Chironex fleckeri, englisch: Box Jellyfish), die im Extremfall sogar plötzliches Herzversagen auslösen kann.

Gefährliche Quallenarten

Die Länge der Striemen auf der Haut, die die Tentakeln verursacht haben, gibt Aufschluss über den Grad der Vergiftung, erklärt Toxikologe Mebs. "Bei einer Gesamtlänge von zwei bis vier Metern bei Kindern und von über sechs Metern bei Erwachsenen besteht Lebensgefahr, und der Betroffene muss dringend zum Notarzt." Nicht selten leiden Patienten noch Monate nach einer Quallenverletzung durch diese Quallenarten unter Juckreiz und Sensibilitätsstörungen.

Bei aller begründeten Sorge über mögliche Unfälle betont Dietrich Mebs aber: "Die Wahrscheinlichkeit einer solch gefährlichen Begegnung ist sehr gering." Zahlen dazu würden zwar nicht zentral erfasst. "Aber in Europa hat es in den vergangenen Jahrzehnten keine tödlichen Quallenunfälle gegeben, und selbst in riskanten Regionen wie etwa im Pazifik ist die Wahrscheinlichkeit, mit einer gefährlichen Qualle zusammenzustoßen, insgesamt niedrig." Es ist also Vorsicht angebracht, aber keine Panik.

Gefährdete Gebiete meiden

Um Begegnungen mit Quallen zu vermeiden, rät Dietrich Mebs dazu, sich den Strand vor dem ersten Baden bei Ebbe anzusehen. "Erblicken Sie eine Vielzahl angeschwemmter Quallenkörper, können Sie davon ausgehen, dass auch im Meer allerhand von ihnen schwimmen, denn sie treten üblicherweise in Schwärmen auf." Da Quallen sich gern in aller Ruhe im Wasser treiben lassen, meiden sie Gebiete mit tosender Brandung oder starker Strömung und bevorzugen – zum Leidwesen der Badenden – die ruhige See.

Auch nachts lassen sich die Nesseltiere, die so gut wie blind sind, mit Vorliebe treiben, betont der Toxikologe. "Deshalb sollte man, wo Quallen vorkommen, kein abendliches Bad im Dunkeln nehmen."

Wichtig: "Beachten Sie örtliche Warnhinweise, baden Sie nicht an einsamen Stränden, und schwimmen Sie nicht in trübem Wasser oder dicht über Sand", sagt Reisemediziner Tomas Jelinek. In Australien werden zum Beispiel ganze Badestrände seeseitig eingezäunt, Badende gehen mit einem nesselsicheren Tauch-, Surf- oder Quallenschutzanzug ins Wasser. Es gibt zudem Essigdepots am Strand und Quallennetze im Wasser.


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