Fibromyalgie: Wenn alles schmerzt

Noch immer liegen die genauen Ursachen dieser Nervenerkrankung im Dunkeln. Doch es gibt Therapien, welche die Symptome einer Fibromyalgie lindern

von Ute Essig, 19.08.2016

Alles tut weh. Und keiner weiß, warum. Deshalb kann mir auch niemand helfen ... Das mag sich so mancher Patient denken, der unter Fibromyalgie leidet. Nach Schätzungen der ­Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften sind drei bis vier Prozent der Erwachsenen in Deutschland betroffen, überwiegend Frauen.

Sie klagen über diffuse Schmerzen im ganzen ­Körper. Hauptsächlich in Rücken, Armen und Beinen – und dort vor allem im Bereich der Muskulatur und der Sehnenansätze. Außerdem kennzeichnen schlechter Schlaf, Tagesmüdigkeit und Konzentra­tionsprobleme die Erkrankung. Sie bleibt auch deshalb so rätselhaft, weil die Beschwerden ständig wechseln, durch den Körper wandern und sich mit denen zahlreicher anderer Gelenk- und Schmerzerkrankungen überschneiden.

Diagnose ist schwer zu stellen

Auf englischsprachigen Online-Seiten bezeichnen Betroffene die Fibromyalgie schon einmal als "irritable everything syndrome" – "alles ist gereizt". Dieses "alles" erschwert die Diagnose und führt viele Ärzte zunächst auf eine falsche Spur.

Eine Studie der Universität Würzburg machte den Patienten vor einiger Zeit Hoffnung, dass sich das Blatt nun endlich wendet. Dass die Ärzte endlich eine physiologische Ursache für die Beschwerden gefunden haben. 

Kleinste Nervenfasern bei Fibromyalgie geschädigt

Ein Team von Wissenschaftlern um die Neurologin und Schmerztherapeutin Dr. Nurcan Üçeyler fand heraus, dass die kleinen, in der Haut endenden ­­Nervenfasern einiger Fibromyalgie-Patienten deutliche strukturelle Schäden aufweisen. An der Unter­suchung nahmen 35 Patientinnen teil – bei 25 von ­­ihnen hatte die Forschergruppe zuvor ein Fibromyalgie-Syndrom diagnostiziert, bei zehn Frauen eine Depression ohne Schmerzen.

Sensibilitätsprüfungen, Hautstanzproben und elektrische Leitungsstudien ergaben: Bei manchen Fibromyalgie-Patientinnen sind die sogenannten C-Fasern, die unter anderem für die Weiterleitung von Schmerzreizen zuständig sind, auffällig verändert. So sind die Zahl der Nerven­fasern und ihre elektrische Erregbarkeit reduziert. Bei den depressiven Patientinnen ohne Schmerzsymptome fanden die Wissenschaftler keinen Hinweis auf Strukturdefekte der Nerven.

Folgestudien notwendig

Ist damit der Knoten geplatzt? Ist endlich eines der Mosaiksteinchen gefunden, das das nebulöse Bild der Krankheit etwas deutlicher erscheinen lässt? Expertin Nurcan Üçeyler dämpft allzu große Hoffnungen. Die Veränderungen, die sie entdeckt hat, seien zwar nicht von der Hand zu weisen, doch nicht spezifisch für das Fibromyalgie-Syndrom. "Wir finden diese Veränderungen bei vielen Patienten mit Schmerzleiden, wie zum Beispiel bei Neuropathien."

Derzeit haben ihre Erkrenntnisse deshalb noch keine direkte Konsequenz für die Diagnose und Therapie des Syndroms. Doch die Medizinerin hofft, nach weiteren Studien mit einer größeren Patientenzahl einen Test entwickeln zu können, mit dem das Ausmaß der Fibromyalgie anhand der Schädigung der kleinen Nervenfasern messbar und eine maßgeschneiderte medikamentöse Therapie möglich wird.

Studie zeigte, dass es die Krankheit wirklich gibt

Üçeyler sieht den Wert ihrer Studie aber auch darin, dass es ihr zum ersten Mal überhaupt gelungen ist, am Nervengewebe von Fibromyalgie-Patienten einen Befund zu objektivieren. "Früher lautete die Frage nicht, wie Fibromyalgie entsteht, sondern ob es sie überhaupt gibt", sagt die Forscherin. Daran zweifelt heute niemand mehr.

Ein einzelner konkreter Krankheitsauslöser scheint unwahrscheinlich. Vielmehr gehen die Mediziner von einem biopsychosozialen Entstehungsmodell aus. Das heißt: Ein Mix aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren verursacht nach heutigem Kenntnisstand die Fibromyalgie.

Therapie zielt auf die Psyche ab

Der Schwerpunkt der Behandlung liegt deshalb ­darauf, dass die Betroffenen lernen, mit ihren Beschwerden besser umzugehen. Die Hilfsmöglich­keiten und Therapieansätze zur Schmerzbewältigung, deren Nutzen wissenschaftlich untermauert ist, sind seit 2012 auch in einer ärztlichen Leitlinie gesammelt. und liefert viele Anregungen, die Beschwerden nichtmedikamentös zu bewältigen. Diese Behandlungsmethoden und -optionen, die sich auch bei anderen chronischen Leiden und Schmerz­­erkrankungen bewährt haben, setzen überwiegend bei der engen Wechselbeziehung zwischen Psyche und Schmerz an.

Stress spielt bei Entstehung wesentliche Rolle

Dr. Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken ist Sprecher der Steuerungsgruppe der Leitlinie. Litte er selbst an der Erkrankung, würde der Psychosomatiker zunächst seine aktuelle Lebenssituation unter die Lupe nehmen, um das Ausmaß an aktuellen Belastungen zu analysieren. "Ich müsste wohl vor allem beruflich kürzertreten", sagt er. Wie man inzwischen weiß, spielen negativer Stress und Überlastung bei der Entstehung der Erkrankung eine wesentliche Rolle. Sie können Schmerzempfindungen verstärken und erhalten – so, dass die Beschwerden schließlich chronisch werden.

Um den Kreislauf aus Schmerz und negativen Stimmungen zu durchbrechen, braucht es ein gutes Selbstmanagement. Der Patient muss aktiv werden – auch wenn er sich sehr schlecht fühlt.

Bewegung lindert das Nervenleiden

Als besonders effektiv hat sich körperliche Aktivität erwiesen. Das gilt vor allem für Bewegungsformen, die die Gelenke möglichst wenig belasten – wie Radfahren, Schwimmen oder Tanzen. Auch Qigong und Tai-Chi mit ihren fließenden, langsamen Bewegungsmustern können die Beschwerden lindern. Außerdem profitieren viele Patienten von Wärmebehandlungen – Sauna, Infrarotkabine, Thermalbad – und Funktionstraining in Gruppen.

Auch eine medikamentöse Therapie kommt bei manchen Betroffenen infrage. Opioide und nichtsteroidale Antirheumatika (NSRA) haben sich als eher weniger nützlich erwiesen. Wissenschaftliche Untersuchungen bescheinigen einigen Antidepressiva und Antiepileptika eine bessere Wirksamkeit. Diese Medikamente beeinflussen die Nervenbotenstoffe im ­­Gehirn, die am Schmerzerleben beteiligt sind. Die Mittel können Fibromyalgie lindern, auch wenn der Patient nicht depressiv ist oder unter Epilepsie leidet.

Patient können viel zur Besserung beitragen

Die Empfehlung, den Lebensstil zu verändern, offenbart eine gewisse Hilflosigkeit der Medizin. Die Übersensibilität bleibt wissenschaftlich erst einmal ungeklärt. Viele macht das mutlos – und anfällig für  Berichte über angebliche Wundermittel, die die Fibromyalgie heilen sollen.

Winfried Häuser appelliert an die Selbstverantwortung des Patienten. Bei vielen chronischen Erkrankungen sei dieser selbst sein eigener Heiler. "Auch beim Typ-2-Diabetes oder beim Bluthochdruck können Sie mit körperlicher Aktivität gezielt ins Krank­heits­geschehen eingreifen", sagt der Psychosomatik-Experte. Das sei beim Fibromyalgie-Syndrom nicht anders.

Die Erfolge solcher Maßnahmen seien durchaus messbar – wenn auch nicht objektiv, sondern durch Skalen, die das subjektive Befinden des Patienten erfassen. Die Auswertungen machen Häuser zufolge deutlich: Wer den Schmerz annimmt und aktiv das eigene Wohlbefinden fördert, leidet weniger.